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Gib mir eine Zukunft – Egal welche

Wer am effektivsten betrügt ohne aufzufliegen, der kommt am weitesten“, erzählt ein Student in einer Spiegel-Reportage und irgendwie bringt einen das zum Nachdenken, oder?

Ich war immer gut in der Schule. Ein bisschen faul vielleicht, aber die Noten haben gestimmt, wenn man von (meinen) Hassfächern wie Mathe und Chemie absah. Aber schon damals war es eine Frage der Strategie: Eine 5 in Mathe hat vor allem bedeutet, dass ich eine 1 in einem anderen Hauptfach brauchte, um die 5 ausgleichen zu können, der Notendurchschnitt hat auch gelitten und spätestens mit dem Endspurt zum Abi kam dann auch die Sorge dazu, welche Universität mich eigentlich annimmt, wenn mein Schnitt keine 1 vor dem Komma hat.

In der Uni angekommen soll dann natürlich alles anders werden, immerhin studiere ich hier das, was ich mir ausgesucht habe, was mich fesseln und begeistern sollte – gute Noten zu kriegen, dürfte hier doch ein Leichtes sein. Wäre es vermutlich auch, ginge es tatsächlich darum, in den eigenen Fächern zu glänzen und etwas zu lernen. Stattdessen habe ich mich vor allem im Bachelor ganz konkret darauf konzentrieren müssen, wie ich es schaffe, 8 Klausuren in nur wenigen Wochen zu bestehen. Nicht selten waren Spickzettel hier meine besten Freunde, die Kommilitonen sprachen vom Bulimie-Lernen: Wissen loswerden, das kurz vorher erst angesammelt wurde, für mehr blieb keine Zeit, Qualität und nachhaltiges Lernen spielten hier auch keine Rolle.

Wer aber in der Gesellschaft seinen Platz finden will, der muss mitspielen.

Uni bedeutet heute vor allem eins: abarbeiten. Hier fehlt noch ein Creditpoint, dort noch ein ganzes Modul … Ich soll nichts lernen, ich soll Leistung erbringen, und zwar am besten schnell, viel, mehr, mehr, damit ich endlich in die Arbeitswelt einsteigen kann.

Das hat auch schon Bourdieu erkannt, wenn er die Gesellschaft als Spielfeld, als Arena des Kampfes bezeichnet und Zeugnisse und Zertifikate zu dem herunterbricht, was sie sind: Schlüssel, die Türen öffnen. Und je mehr Schlüssel ich habe, desto mehr Türen lassen sich öffnen, unabhängig von der Qualität. Eigentlich haben Zeugnisse so also mehr eine Präventivfunktion: Weil mir keine Zeit gegeben wird, darüber nachzudenken, welche Tür ich eigentlich öffnen und wie ich meine Zukunft gestalten will, werden symbolische Schlüssel zu Sammelkarten, um am Ende so viele Optionen wie möglich zu haben und das kleinste Übel zu wählen. Aber was ist, wenn ich zehn Jahre später vielleicht doch mal einen Moment der Ruhe habe und wirklich überlegen kann, was ich mir vom Leben wünsche?


Unser Bildungssystem bereitet uns schon lange nicht mehr darauf vor, frei und eigenständig zu entscheiden. Es hilft uns nur, den Kopf einzuziehen und in die Zukunft zu steuern – welche das ist, ist dabei völlig irrelevant.

„In einer Gesellschaft, in der fast jeder ein Abitur erhält, wird auch nahezu jeder ein Studium wagen, statt nur einer schnöden Ausbildung nachzugehen. Jeder strebt nach dem Höheren. Die Folge sind abartig hohe NCs, unqualifizierte Studenten und Abschlüsse ohne Wert.“