Einfach gendern im Alltag

Unsere Expertin zeigt, dass geschlechtersensible Sprache im Alltag weder verkrampft noch umständlich sein muss, sondern leicht umsetzbar und längst überfällig ist.

Während eine gendergerechte Sprache in vielen öffentlichen Bereichen unseres Lebens, wie in Ausbildung, Beruf oder Hochschule, aber auch in den Medien, bereits unzweifelhaft zum guten Ton gehört, sind geschlechtsneutrale Formulierungen in unserer Alltagssprache noch wenig verbreitet. Auch wenn niemand andere Personen bewusst diskriminieren oder ausschliessen möchte, so fällt bei genauerer Betrachtung unserer Sprache doch schnell auf, dass der Gebrauch maskuliner Formen vorherrscht. Wir sind der Meinung, dass sich das ändern sollte, und geben daher im Folgenden Tipps, wie sich gendergerechte Sprache in den alltäglichen Sprachgebrauch integrieren lässt.

Autorinnenprofil:

Christiane hat BWL studiert mit den Schwerpunkten Marketing, Medienmanagement und Wirtschaftspsychologie. Seit dem Abschluss ihres Studiums arbeitet sie als freiberufliche Lektorin und Texterin. Vor Kurzem hat sie ein Zweitstudium in den beiden Fächern Katholische Theologie und Antike Geschichte aufgenommen.

Warum überhaupt in der Alltagssprache gendern?

Neben Mimik und Gestik gehört Sprache zu unseren Kommunikationsinstrumenten. Wir tauschen und drücken uns über Sprache aus, wir teilen anderen über Sprache unsere Gedanken und Gefühle mit und wir zeigen über unseren Sprachgebrauch, wie wir unsere Umwelt und unsere Realität wahrnehmen. Sprache spiegelt jedoch nicht nur unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken wider, sie beeinflusst diese auch. Vor diesem Hintergrund kommt dem Gendern im alltäglichen Sprachgebrauch eine hohe Bedeutung zu. Das generische Maskulinum, also die Verwendung ausschliesslich der männlichen Form stellvertretend für andere Geschlechterformen, ist immer noch weit verbreitet. Zwar sollen andere Geschlechter dabei inkludiert und mitgedacht werden, aber tatsächlich werden sie sprachlich und damit auch gedanklich ausgeschlossen.
Eine sprachliche Gleichbehandlung ist also eine wichtige Voraussetzung für eine gedankliche und somit auch für eine gesellschaftliche Gleichstellung. Wenn Sprache durch Geschlechterstereotype geprägt ist, so gilt dies auch für unser Denken und für unser Miteinander. Denn noch immer beschäftigen wir die Putzfrau und assoziieren Personen weiblichen Geschlechts, anstatt die geschlechterneutrale Putzkraft. Kinder müssen noch immer zum Onkel Doktor und bekommen so vermittelt, dass dieser Berufszweig wohl Personen männlichen Geschlechts vorbehalten sein muss. Geschlechtsspezifische Rollenbilder können so zu Erwartungen führen, die unser Denken dahin gehend beeinflussen, welche Verhaltensweisen, welche Attribute und welche gesellschaftlichen Rollen wir unterschiedlichen Geschlechtern und damit auch uns selbst zuschreiben. Das Geschlecht wird so bereits im Kindesalter zu einem sozialen Konstrukt: Unsere Welt ist in zwei Geschlechter geteilt, an die jeweils unterschiedliche geschlechtsspezifische Vorstellungen geknüpft sind. Mit dem generischen Maskulinum wird das Maskulinum dabei als normal, als Norm oder als Regel festgelegt, andere Geschlechter dagegen als Abweichung von dieser Norm.

Eine geschlechtersensible Sprache möchte dagegen dazu beitragen, alle Geschlechter gleichermassen zu berücksichtigen und so diskriminierenden Stereotypen entgegenzuwirken. Die Verwendung geschlechtsneutraler oder geschlechtersensibler Sprache soll dabei helfen, ein bisher immer noch übliches Denken in Geschlechterrollen sowie geschlechtsspezifische Assoziationen, die nicht mehr unserer Realität entsprechen, zu überwinden. Dabei geht es nicht nur um die Gleichstellung von weiblichen und männlichen Personen, sondern auch um die Berücksichtigung von Menschen, die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen.
 

Geschlechterdiskriminierung durch Google
Geschlechterdiskriminierung durch Google

Wie mache ich mir im Alltag Sprache bewusst?

Da die Verwendung des generischen Maskulinums über die vergangenen Jahrzehnte die deutsche Sprache massgeblich geprägt hat und dabei zur sprachlichen Norm geworden ist, machen sich viele gar nicht bewusst, wie dominant männliche Formulierungen in unserem alltäglichen Sprachgebrauch geworden sind. Um sich diesen Umstand vor Augen zu führen und zu testen, wie selbstverständlich wir das generische Maskulinum verwenden, schlagen wir vor, einen Text einmal ausschliesslich im generischen Femininum zu verfassen, sich laut vorzulesen oder im Gespräch mit anderen bewusst nur die weibliche Form zu verwenden. Das wird zum einen zwar ungewohnt und seltsam klingen, zum anderen verdeutlichen Sie sich selbst und anderen damit jedoch die hinter dem Gendern stehende Problematik: Fragen Sie sich selbst und andere, ob sich von den weiblichen Formulierungen auch männliche Personen angesprochen und berücksichtigt fühlen oder ob das generische Femininum männlichen Personen den Eindruck vermittelt, ausgeschlossen zu sein. Wenn ein solcher Eindruck entsteht, können einige im Anschluss vielleicht besser nachvollziehen, dass eine geschlechtersensible Sprache längst überfällig ist.
Während das Gendern in der Schriftform bereits weitgehend angekommen zu sein scheint, ist unsere Alltagssprache noch weit davon entfernt, unserer diversen Gesellschaft durch geschlechtersensible Formulierungen gerecht zu werden. Sprache unterliegt fortwährenden Veränderungsprozessen, die nicht linear verlaufen, sondern die zahlreiche sprachliche Varianten hervorbringen, von denen einige wieder verschwinden und andere sich nach und nach durchsetzen. Indem wir uns die Gender-Thematik immer wieder bewusst machen, können wir dazu beitragen, die sprachlichen Veränderungsprozesse hin zu einer geschlechtersensiblen Sprache zu beschleunigen, bis das Gendern sowohl in unseren Köpfen als auch in unserer Sprache alltägliche Gewohnheit geworden ist.

Doch wie funktioniert das Gendern im Alltag?

Zwar lassen sich gängige Gendermethoden wie die gleichzeitige Nennung der männlichen und weiblichen Form („Liebe Freunde und Freundinnen“) oder geschlechtsneutrale Formulierungen („Studierende“) leicht in unsere Alltagssprache integrieren. Das sprachliche Pendant zum Gendersternchen („Student*in“) oder zum Gendergap („Student_in“), die beide der Berücksichtigung von Personen dienen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lassen möchten, ist dagegen noch nicht weit verbreitet und führt bei einigen zu einer sprachlichen Unsicherheit. Diese ist jedoch unbegründet, denn zur Verdeutlichung des Gendersternchens oder des Gendergaps wird einfach eine kurze sprachliche Pause gemacht: So wie beispielsweise in „er-innern“ oder in „The-ater“ sagt man dann „Student-in“, wobei der Bindestrich für die Sprechpause steht.

„Liebe Freunde und Freundinnen“, „Studierende“, „Student*in“, „Student_in“

Die Beispiele zeigen, dass gängige Einwände gegen das Gendern, wie etwa eine Verkomplizierung der Sprache oder eine Störung des Lese- bzw. Sprechflusses, unbegründet sind und auf rein formale Aspekte abzielen. Sicher bedarf eine gendersensible Sprache einer gewissen Übung. Aber sollte es uns allen nicht den geringen Aufwand wert sein, um sich seines eigenen Sprachgebrauchs bewusst zu werden und durch die Vermeidung ausschliessender Formulierungen oder diskriminierender Geschlechterstereotype einen Beitrag zur Gleichbehandlung und Gleichberechtigung zu leisten? Eine geschlechtersensible Sprache ist ein einfaches Mittel, anderen zu zeigen, dass man sich der gesellschaftlichen Vielfalt nicht nur bewusst ist, sondern diese auch als Bereicherung begreift.

Gendern in der Wissenschaft

Wissenschaftlich Gendern

Übersicht der Gender-Methoden

Gender-Methoden

So wie beispielsweise in „er-innern“ oder in „The-ater“ sagt man dann „Student-in“, wobei der Bindestrich für die Sprechpause steht.

Einfache Tipps zur Übung

Geschlechtersensible Sprache muss gar nicht umständlich sein, sondern kann die eigene sprachliche Kreativität fördern. Möglich sind geschlechtsneutrale Formulierungen, die gleichzeitige Nennung weiblicher und männlicher Formen oder die Berücksichtigung aller Geschlechtsidentitäten. So divers wie unsere Gesellschaft ist, so vielfältig kann auch unsere Sprache sein. Um eine gewisse Routine für das Gendern im alltäglichen Sprachgebrauch zu entwickeln, sind folgende Übungen zu empfehlen, die zum einen dabei helfen, sich der eigenen Sprache bewusst zu werden, und die zum anderen dazu beitragen, das Gendern in den Alltag zu integrieren:

  1. Achten Sie bei Sendungen im Fernsehen, bei Podcasts oder im Radio darauf, ob eine gendersensible Sprache genutzt wird.
    • Sie werden schnell feststellen, dass diese Sprache eben nicht stört, sondern bereichert.
  2. Hören Sie sich Podcasts an, in denen gegendert wird, etwa vom Deutschlandfunk.
  3. Versuchen Sie bewusst, beim Sprechen, beim Telefonieren oder auch in Chats zu gendern.
  4. Vermeiden Sie geschlechtsstereotype Formulierungen:
    Es gibt weder ein starkes noch ein schwaches Geschlecht und Mädchen sind auch keine Heulsusen.
  5. Verwenden Sie einfach mal das generische Femininum.
    • Zum Beispiel in E-Mails, in Textnachrichten oder in Gesprächen.

Tipp:

Benutzen Sie das Gender-Wörterbuch von buchstaben.com.

Auch wenn Sie das Gendern anfangs eventuell als schwierig oder anstrengend wahrnehmen, versuchen Sie am Ball zu bleiben und bei möglichst vielen Gelegenheiten zu gendern. So trainieren Sie nicht nur sich selbst, sondern stossen in Ihrem Umfeld bestenfalls eine Diskussion über geschlechtersensible Sprache an. Wenn Sie sich nicht sicher sind, welcher Geschlechtsidentität sich Ihr Gegenüber zugehörig fühlt und welche Pronomen Sie benutzen sollen, verwenden Sie beim Ansprechen oder im Gespräch einfach den Vornamen oder fragen Sie, wie jemand angesprochen werden möchte. Offenheit ist oft besser als falsche Scham.
Wir hoffen, dass wir Ihnen mit unseren Tipps zum gendergerechten Formulieren den Einstieg in eine geschlechtersensible Sprache erleichtern können. Denn Sprache ist Ausdruck unseres Denkens und eine Sprache, die sich der Vielfalt der Geschlechter bewusst ist und keinem Geschlecht eine dominierende Rolle zuweist, leistet einen wertvollen Beitrag zur
Gleichberechtigung und zum Aufbrechen diskriminierender Hierarchien. Damit erweitert das Gendern nicht nur unseren sprachlichen, sondern auch unseren gedanklichen Horizont.

Übrigens, die weiblichen Formen von Gast, Engel und Geist, also die Gästin, die Engelin und die Geistin, gehörten zu Zeiten der Gebrüder Grimm zum deutschen Sprachgebrauch, sind seitdem aber in Vergessenheit geraten. Gendergerechte Sprache stellt also durchaus auch eine Bereicherung dar. Quelle

Fachbereich

Gender Studies – Ein interdisziplinäres Forschungsfeld

Die Gender Studies sind ein interdisziplinäres Feld, in dem Knowhow aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen gefordert wird.

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