Achtsame Fächer- und Kurswahl

Oder: Beraten Sie sich mit sich selbst.

Eine bewusste, achtsame Herangehensweise kann dabei helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Redaktion | 10.06.2021 | Lesedauer 4 min

Heutzutage ist Studieren ohne Frage eine Herausforderung. Im Vergleich zu schulischen Systemen oder dem Berufsleben ist beim Studienmanagement absolute Eigenverantwortung gefordert und erlaubt. Gerade, wenn man frisch von der Schule kommt und noch kein ganz klares berufliches Ziel vor Augen hat, kann dies durchaus einen leichten Schock bedeuten. Im Folgenden möchten wir Ihnen einige Gedanken an die Hand geben, die dabei helfen sollen, mit Überforderung und der Fülle an Möglichkeiten umzugehen und eine individuell richtige Entscheidung zu treffen. Die Grundlage bilden dabei die Ausführungen zur Achtsamkeit im Studium, die wir Ihnen bereits vorgestellt haben.

Zum Glück gibt es mittlerweile an jeder Universität Anlauf- und Beratungsstellen zur Studienwahl und -organisation. Zudem existieren zahlreiche Tests, mithilfe derer sich die eigenen Präferenzen und Möglichkeiten bei der Wahl des Studiums oder Schwerpunkts ermitteln lassen.

Doch auch eine bewusste, achtsame Herangehensweise kann dabei helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Dies gilt nicht nur für den Beginn des Studiums, sondern auch dann, wenn Unzufriedenheit mit der Studiensituation oder private und berufliche Veränderungen eine Umorientierung erfordern.

 


Wodurch werden Fächer- und Kurswahl beeinflusst?

Egal ob es um die Wahl des Studiengangs oder die Wahl einzelner Module und Fächer geht – es ist immer hilfreich, sich zunächst bewusst zu werden, welche Faktoren die eigenen Gedanken und Entscheidungen beeinflussen. Achtsam in sich hineinzuhorchen, kann dabei ein erster Schritt sein. Es macht zum Beispiel einen grossen Unterschied, ob eine Wahl bei Ihnen positive Gefühle von Neugier und Aufregung oder eher Angst und negative Gedanken hervorruft. Dadurch, dass Sie sich über Ihr Empfinden in der Wahlsituation bewusst werden, fällt es Ihnen unter Umständen leichter, Ihre eigenen Bedürfnisse herauszuarbeiten. Vielleicht fällt Ihnen auf, dass die Studien- und Kurswahl Ihrer besten Freund:innen, die Wünsche Ihrer Grosseltern oder Angst vor einem prekären Arbeitsverhältnis Sie sehr stark beeinflussen.

Dabei geht es nicht darum, Ihre eigenen Entscheidungstendenzen zu bewerten, sondern eher darum, verborgene Einflüsse zu erkennen. Achtsamkeit als Werkzeug und ein neutraler Blick auf Ihre gegenwärtige Situation sollen dabei helfen, sich eigener Ressourcen und Potenziale bewusst zu werden.

Selbstverständlich spielen, gerade bei der Kurswahl, auch administrative Aspekte eine wichtige Rolle. Anmeldephasen, Fristen, Modulsysteme und Leistungspunkte sind dabei die eine Seite. Aber auch Vorlesungsort und -zeit, Prüfungsformen und erforderliche Präsenzzeiten sind bedeutsam. Ein achtsamer Umgang mit diesen administrativen Aspekten kann zum Beispiel beinhalten, sich zu fragen, wie die verschiedenen Module und Kurse ins eigene Leben passen. Wenn Sie ein grosses Problem mit frühem Aufstehen haben, ist die früheste Vorlesung vielleicht nicht die richtige für Sie. Und wenn Sie von sich selbst wissen, dass Sie mit etwas Druck und persönlichem Kontakt zur Lehrperson besser lernen können, sollten Sie Massenvorlesungen vielleicht so weit wie möglich meiden.

Die zweite Perspektive, die motivationale Perspektive, wurde oben bereits angesprochen. Hier gilt es, die eigenen Wünsche und Ziele achtsam zu reflektieren. Bei der Studiengangwahl bedeutet das, möglichst frei und unbeeinflusst Ihre eigene Präferenz herauszufiltern. Es ist aber natürlich nicht immer per se unsinnig, sich bei wichtigen Entscheidungen von nahestehenden Personen oder eigenen Ängsten beeinflussen zu lassen. Achtsam Entscheidungen zu treffen, bedeutet aber, diese Faktoren bewusst wahrzunehmen. Nur wenn Sie sich bewusst werden, welche Aspekte Sie beeinflussen und was Sie evtl. unter Druck setzt, ist Ihre Pro-Kontra-Liste wirklich vollständig.

Oft werden Entscheidungen auch von dem Gedanken beeinflusst, keine Fehler machen zu dürfen. Gleiches gilt, wenn ein Studiengang oder Modul weiterverfolgt wird, obwohl nach den ersten Veranstaltungen klar ist, dass Sie sich in diesem Fachgebiet nicht wohlfühlen. Hierzu sollten Sie im Hinterkopf behalten, dass es längst kein grosses Manko mehr ist, am Anfang des Studiums noch einmal die Richtung zu wechseln. Es geht ja gerade darum, etwas Neues zu lernen und zu wachsen – hier gehören Fehler dazu. Regelmässig achtsam zu sein und reflektiert mit Anforderungen umzugehen, kann aber dabei helfen, solche Situationen möglichst frühzeitig zu erkennen.


Fragen als Hilfestellung

Als Hilfestellung für eine achtsame Fächer- und Kurswahl sollen die folgenden Frage- und Gedankenbeispiele dienen:

  1. Wie fühlen Sie sich, bevor/während/nachdem Sie eine Entscheidung treffen?
  2. Nehmen Sie Druck oder Erwartungen von aussen wahr?
  3. Setzen Sie sich selbst unter Druck?
  4. Welche Entscheidungen fallen Ihnen besonders schwer?
  5. Was ist Ihre Intention bzw. Ihr Ziel? Haben Sie ein klares Ziel?
  6. Ver- und beurteilen Sie sich selbst?
  7. Wie passt das angestrebte Fach/Modul in Ihr Leben?
  1. Welche Veranstaltungsart und welche Lehrpersonen motivieren Sie am meisten?
  2. Spüren Sie Angst oder Vermeidungsverhalten, und wenn ja, in Bezug auf was?
  3. Spüren Sie Freude und Neugier?
  4. Worauf sind Sie neugierig?
  5. Stellen Sie doch einmal verschiedene Stundenplanoptionen zusammen und spüren Sie Ihren Gefühlen nach, wenn Sie diese betrachten. Wo spüren Sie Vorfreude, Angst, Skepsis etc.?
  6. Sind Sie gestresst oder überfordert?
  7. Haben Sie Angst vor Fehlentscheidungen, und wenn ja, warum?
  8. Gibt es Glaubenssätze aus der Vergangenheit (z. B. „Ich kann einfach keine Mathe!“), die Sie beeinflussen?

Es kann hilfreich sein, Pausen einzulegen und die gleichen Entscheidungsoptionen zu verschiedenen Zeiten achtsam zu reflektieren. So fallen Ihnen vielleicht noch weitere Aspekte auf, die Ihre Emotionen zur Fragestellung beeinflussen.

 


Paradox of Choice

Schwierigkeiten bei Entscheidungen sind kein Problem, das nur Sie haben. Tatsächlich nehmen sehr viele Menschen das Treffen von Entscheidungen – gerade bei einer vermeintlichen Fülle an Möglichkeiten – als überaus belastend wahr. Eindrücklich zeigt dies eine Studie aus der Entscheidungstheorie aus dem Jahr 2000[1], bei der gezeigt wurde, dass die Motivation zur Kaufentscheidung mit steigender Produktvielfalt nachlässt. Aus Furcht, eine Fehlentscheidung zu treffen, wird lieber ganz auf eine Entscheidung verzichtet. Im konkreten Fall ging es um Marmelade. Kaum auszudenken, wenn die Fülle an möglichen Studiengängen und Kursen einen vergleichsweise demotivierenden Effekt auf die Entscheidungsfindung haben würde! Untersucht wurde dies bisher nicht, sollten Sie aber das Gefühl haben, dass die Menge an Möglichkeiten Sie überfordert, kann es sinnvoll und hilfreich sein, durch ausgiebige Recherche die Entscheidungsoptionen in mehreren Runden systematisch einzugrenzen und zu dezimieren.

Übrigens: Oft bekommen gerade junge Menschen gesagt, dass ihnen die ganze Welt offenstehe und sie alles werden könnten, was sie wollten. Auch dieser Gedanke kann – wenn auch durchaus positiv gemeint – zu Überforderung führen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber eigentlich, dass unsere Studienwahl durchaus von vorneherein limitiert ist, etwa durch eigene Talente und Interessen, den Wohnort, Finanzen, sonstige Verpflichtungen, Vorbildung etc. Es kann hilfreich und tröstlich sein, auch das achtsam wahrzunehmen und Dinge an Ihren Vorbedingungen, die Sie nicht ändern können, radikal zu akzeptieren.

 


Weiterführende Literatur

Wenn Sie sich näher über die Themen Achtsamkeit und Resilienz informieren möchten, empfehlen wir Ihnen unter anderem die folgenden Werke:

  • Coyle, Daniel (2019). Erfolg braucht kein Talent. München: Riva.
  • Jungermann, Helmut, et al. (2017). Die Psychologie der Entscheidung – eine Einführung. Heidelberg, Berlin: Springer.
  • Wetterer, Eva Christiane (2005). Die Kunst der richtigen Entscheidung. 40 Methoden die funktionieren. Hamburg: Murmann.

Verwendete Literatur

[1] Iyengar, Sheena & Lepper, Mark (2000). When choice is demotivating: Can one desire too much of a good thing? Journal of Personality and Social Psychology, 79, 995–1006.