Positive Psychologie – Positive Aspekte des Menschseins

Was ist Positive Psychologie und woher kommt der Begriff?

Redaktion | 08.06.2023 | Lesedauer 4 min

Anfänge der Positiven Psychologie und aktuelle Forschungssituation

1992 veröffentlichte die Cross-National Collaborative Group eine Studie, in der die Lebenszeitprävalenz von schweren Depressionen in verschiedenen Geburtskohorten des 20. Jahrhunderts untersucht wurde. Dabei gingen sie der Frage nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Menschen ist, im Laufe seines Lebens an einer schweren Depression zu erkranken. Anschliessend kamen sie zu dem Schluss, dass im Ländervergleich das Risiko für eine schwere Depression umso höher ist, je jünger die Geburtsjahrgänge sind. Des Weiteren existieren weiterhin länderspezifische Unterschiede in den lang- und kurzfristigen Trends für schwere Depressionen, was darauf hindeutet, dass diese Länder von unterschiedlichen historischen, sozialen, wirtschaftlichen oder biologischen Umwelteinflüssen betroffen sein können. Ausserdem kann eine Verknüpfung wirtschaftlicher, demografischer, epidemiologischer und sozialer Indikatoren nach Ländern mit diesen Veränderungen Aufschluss über die Umweltbedingungen geben, die die Entstehung von schweren Depressionen begünstigen.[1]

The changing rate of major depression: Cross-national comparison. Cumulative lifetime rates of major depression by birth cohort and age of onset—Western Europe and the Middle East. MDD indicates major depressive disorder.
1 Vgl. Cross-National Collaborative-Group (1992): The changing rate of major depression: Cross-national comparison. JAMA, 268, 3098-3105.

 

Geburtskohorten, die Anfang des 20. Jahrhunderts geboren wurden, erkrankten laut der Studie mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 Prozent an einer Depression – bis 1955 vervierfachte sich diese Zahl. Auffallend ist dabei, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen, ab Mitte des 20. Jahrhunderts, ein ganz anderes Bild zeichnen. Länder der westlichen Hemisphäre haben stabile politische Situationen und auch wirtschaftlich geht es den dort lebenden Menschen besser. Es muss demzufolge andere Gründe geben, also externe Faktoren, die schwere Depression begünstigen. Die Frage danach, wie Depressionen eingeschränkt und stattdessen Wege zu einem glücklichen Leben und besseren psychischen Lebensbedingungen beleuchtet werden können, führte zur Entstehung der Positiven Psychologie. Die Positive Psychologie entstand aus dem Anliegen heraus, Depression zu reduzieren und den Menschen zu zeigen, wie sie glücklicher werden und bessere psychische Lebensqualität erreichen können. Sie stellt dementsprechend den Gegenpol der bis dahin starken Forschungskonzentration auf die Psychopathologie dar.

Die Positive Psychologie entstand aus dem Anliegen heraus, Depression zu reduzieren und den Menschen zu zeigen, wie sie glücklicher werden und bessere psychische Lebensqualität erreichen können.

Die Positive Psychologie ist ein wissenschaftlicher Ansatz, der sich mit den Emotionen, Stärken, Prozessen, Konditionen und Beziehungen befasst, die ein optimales Funktionieren von Menschen, Gruppen und Institutionen fördern. Die Forschungssituation zur Positiven Psychologie ist vielfältig und dynamisch. Ein Thema, welches aktuell eine grosse Rolle in der Forschung der Positiven Psychologie spielt, ist die Bewältigung der COVID-19-Pandemie. Die Forschenden haben Faktoren wie Sinn, Bewältigung, Selbstmitgefühl, Mut, Dankbarkeit, Charakterstärken, positive Emotionen, positive zwischenmenschliche Prozesse und hochwertige Verbindungen untersucht, die die psychische Gesundheit der Menschen in Zeiten intensiver Krisen schützen, stärken und aufbauen können.[2]

  

Positive Psychologie versus Negative Psychologie

Die Positive und die Negative Psychologie sind zwei Ansätze, die sich mit verschiedenen Aspekten des menschlichen Erlebens und Verhaltens befassen. Während die Positive Psychologie sich auf Förderung von positiven Emotionen und das optimale Funktionieren von Menschen konzentriert, beschäftigt sich die Negative Psychologie mit der Diagnose und Behandlung von psychischen Störungen, negativen Emotionen, Schwächen und Problemen, die zu einem beeinträchtigten Funktionieren und Leiden führen.[3]

Die beiden Ansätze sind nicht unbedingt ausschliesslich als Gegensätze zu betrachten, sondern können sich ergänzen und voneinander lernen. So kann die Positive Psychologie Strategien anbieten, um negative Emotionen zu regulieren, zu bewältigen oder umzuwandeln, während die Negative Psychologie Wege aufzeigen kann, um positive Gemütsbewegungen zu verstärken, zu schützen oder zu erzeugen. Beide Ansätze können dazu beitragen, ein ausgewogenes Verständnis der menschlichen Natur zu entwickeln, welches sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte berücksichtigt.[4]

Allerdings gibt es einige Unterschiede und Herausforderungen zwischen den beiden Ansätzen. Zum Beispiel kann die Positive Psychologie zu einer Überbetonung oder Idealisierung des Positiven führen, das Negative ignorieren, abwerten, unrealistische Erwartungen wecken und sogar in toxischer Positivität gipfeln. Die Negative Psychologie kann zuweilen zu einer Überfokussierung oder Pathologisierung des Negativen führen, das Positive vernachlässigen, verzerren oder pessimistische Einstellungen fördern. Daher ist es wichtig, beide Ansätze kritisch zu reflektieren und ihre Grenzen und Anwendbarkeit zu erkennen.

 

Zukunft der Positiven Psychologie 

Auf der individuellen Ebene steht die Frage im Vordergrund, wie psychische Ressourcen subjektiver Natur zu einem gelingenden Leben führen können. Hierbei kommt universellen Tugenden und Charakterstärken eine hohe Bedeutung zu.[5] An dieser Stelle zeigt sich die hohe Anschlussfähigkeit der Positiven Psychologie zu ethischen Überlegungen, die ihren Ursprung in der griechisch-römischen Antike haben. Sie könnte zu einer neuen Kultur der Selbstsorge führen, wie sie Michel Foucault für (post-)moderne Individuen imaginiert hat.[6]

Auch für Institutionen wie Hochschulen, Schulen und Unternehmen offenbart sich im Organisationskontext der Bedarf für positiv-psychologische Ansätze. Ein Bereich ist sicherlich der Leistungsdruck und die an diesen geknüpften psychischen Erkrankungen von Personen.[7] Es ist daher bereits gegenwärtig ablesbar, dass die Zukunft der Positiven Psychologie grösstenteils in der Interdisziplinarität liegen wird.

 


Literatur

[1] Vgl. Cross-National Collaborative-Group (1992): The changing rate of major depression: Cross-national comparison. JAMA, 268, 3098-3105.

[2] Vgl. Waters et al. (2022): Positive psychology in a pandemic: buffering, bolstering, and building mental health. The Journal of Positive Psychology, Volume 17, 303 – 323.
https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17439760.2021.1871945

[3] Vgl. Ackermann, C. E. (2018): Positive Emotions: What Is Positive and Negative Affect? Definitions + Scale.
https://positivepsychology.com/positive-negative-affect/

[4] Dejonckheere, E. (2020): Are Positive and Negative Emotions Really Opposites? The link between positive and negative feelings is not so clear-cut.
https://www.psychologytoday.com/us/blog/emotions-and-well-being/202002/are-positive-and-negative-emotions-really-opposites

[5] Peterson, Christopher; Seligman, Martin E. P. (2004): Character strengths and virtues. A handbook and classification. Oxford u. a.: Oxford Univ. Press.

[6] Foucault, Michel (2005): Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit; Gespräch mit Helmut Becker, Raúl Fornet-Betancourt u. Alfred Gomez-Müller. In: Defert, Daniel u. Ewald, Francois (Hg.): Michel Focuault. Analytik der Macht. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 274–300.

[7] Brohm, Michaela; Endres, Wolfgang (2015): Positive Psychologie in der Schule. Die „Glücksrevolution“ im Schulalltag ; mit 5 x 8 Übungen für die Unterrichtspraxis. Weinheim u.a.: Beltz (Pädagogik-Praxis).