Achtsam in der Vorlesung

Tipps und Tricks zur effektiven Wissensaufnahme, Atmung, Vorbereitung, Nachbereitung

Bewältigungsstrategien und individuelle Handlungsfähigkeiten

In den letzten Beiträgen der neuen Rubrik Achtsamkeit und Resilienz im Studium wurde sich auf Bewältigungsstrategien und individuelle Handlungsfähigkeiten mit dem Fokus auf eine achtsame Fächer- und Kurswahl bezogen. Dieser Ansatz wird weiter vertieft, um die Vorteile einer achtsamen Geisteshaltung für die Wissensaufnahme und -verarbeitung zu nutzen.

Autorinnenprofil:

Andrea hat Psychologie, Soziologie und Pädagogik studiert und ist ausgebildet als Coach, Körpertherapeutin und Mediatorin. Sie befasst sich interdisziplinär und holistisch mit Bewusstseinserweiterung und der Fusion von Body, Mind & Soul.

Lernen ist ein absolut persönlicher Vorgang.

Achtsamkeit im Hörsaal

Auch den wissenschaftlichen Disziplinen ist es bisher nicht gelungen, eine einheitliche Lerntheorie zu formulieren. Zu den dominanten Konzepten der verschiedenen theoretischen Strömungen gehören:

  • die Behavioristische Lerntheorie, wonach Verhalten grundsätzlich als reaktiv betrachtet wird: Stimulus-Response (Reiz-Reaktion), Klassische Konditionierung (Pawlow), Operante Konditionierung (Skinner),
  • die Kognitive Lerntheorie, wonach Verhalten als bewusster Prozess betrachtet wird: auf Grundlage kognitiver Prinzipien, bewusster Denk- und Verstehensprozesse, Informationsverarbeitung,
  • die Konstruktivistische Lerntheorie, die aus interdisziplinären Ansätzen der Psychologie, Soziologie, Neurobiologie, Pädagogik, Didaktik besteht. Deren Theoriebildung beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Wissen und Wirklichkeit, auf deren Grundlage keine objektive Realität existiert. Darin werden kognitive Prozesse erkannt, indem sich Wissen durch Erfahrungen, Wahrnehmung, Reflexion und Interpretation ständig weiterentwickelt.

In unseren Sozialisations- und Lernprozessen erfahren wir jedoch begrenzt Freiräume, um unsere individuelle Ausprägung von Informationsaufnahme und Wissensverarbeitung ausprägen zu können. Dabei ist das Wissen um die eigenen Fähigkeiten, (Handlungs-)Möglichkeiten und Potenziale ein entscheidender Faktor für selbstsicheres und selbstbestimmtes Handeln.

Selbstwirksamkeit, Selbstkompetenz und Resilienz

Zu den Aspekten Lernen, Individuelles Lernen und Kollektives Lernen gruppieren sich vielfältige und interessante Ansätze, die im Rahmen dieses Artikels nicht vertieft werden, auf die jedoch Bezug genommen wird.

Lernen =
Änderung
des Verhaltens
Lernen =
Erweiterung
der Verhaltens-möglichkeiten
Lernen =
Aneignung
von Wissen

Da es sich hier um Ihre individuellen Eigenschaften und erworbenen Gewohnheiten geht, sind Sie die Expertin, der Experte!

Erlauben Sie einen Blick auf Ihr Lern- und Wissensmanagement

Wie empfinden Sie Ihre diesbezügliche Organisation

  • Ich bin mit mir zufrieden
  • Es ist verbesserungswürdig
  • Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht

Kultivieren und nutzen Sie es bewusst in Bezug auf

  • Informationsverarbeitung
  • Informationszugriff
  • Kommunikation – als Ausdruck des Wissens

Lernen Sie

  • individuell,
  • selbstständig
  • selbstorganisiert
  • kollektiv in einer Gruppe
  • gemischte Formen

Um diese Fragen zu beantworten, verweise ich auf eine achtsame Geisteshaltung, in der Sie zu Ihrer eigenen aufmerksamen Beobachterin werden.


Effektive Wissensaufnahme durch Achtsamkeit

Der Begriff kognitiv stammt vom Lateinischen cognoscere, was wissen oder erkennen bedeutet. Damit ist der Zusammenhang von Wahrnehmung, Lernen, Erinnern, Denken und Wissen gemeint.

Zunächst möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, über welche kognitive Fähigkeiten Sie verfügen, die Sie für Ihr Wissensmanagement nutzen können:

  • Lernen durch Beobachtung,
  • Vorausschauendes Denken: die Folgen einer Handlung können abgeschätzt werden,
  • Selbstregulation: Verhalten kann individuell bewertet und reguliert werden,
  • Selbstreflexion: Reflexion über eigene Erfahrungen und Fähigkeiten,
  • Abstraktionsfähigkeit / logische Schlussfolgerungen ziehen / Erkennen von Zusammenhängen / Vorstellungsvermögen: planen, entscheiden, handeln,
  • Fokus der Aufmerksamkeit (Attention) auf einen gerichteten Reiz (Information), um eine bestimmte Erfahrung zu erzielen – hier Wissensaufnahme (Intention),
  • Denken als ein Prozess der Informationsverarbeitung,
  • Lernen als Weiterentwicklung der kognitiven Strukturen des Denkens.

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Albert Einstein


Die Zusammenhänge von Kognition und Kreation finden Beachtung innerhalb der Kreativitätsforschung. Kreativität beschreibt das schöpferische Gestalten als Ausdruck, Kommunikation oder Integration. Die Aspekte Ideengewinnung und Problemlösungsmöglichkeiten sind darin unbegrenzt.

Kreativität und Flow in der Wissensaufnahme

Kreativität ist ein essenzieller Aspekt unseres Menschseins. Ebenso zeigt sich Kreativität als essenzielles Tool, um erfolgreich in der heutigen komplexen Welt navigieren zu können.

Eigenschaften aus der Achtsamkeitsforschung decken sich mit Erkenntnissen aus der Kreativitätsforschung. Dazu gehören die Aspekte

  • Neugierde und Offenheit,
  • Spontaneität und Flexibilität,
  • Selbstbewusstsein und Selbstbestimmtheit,
  • Intention, Motivation, Konzentration (Intention – Motivation – Attention),
  • Kognitive Leistungen.

Folgende Tools aus der Kreativitätsforschung sind Ihnen bereits bekannt:

 
Csikszentmihalyi (*1934)

Flow-Moment

Flow beschreibt einen Zustand des Glücksgefühls, der entsteht, wenn eine Person gänzlich in einer Beschäftigung aufgeht. Dieser Zustand wird durch eine hohe Konzentration (Attention) auf eine Aufgabe/Ziel (Intention) erreicht. Die Aufgaben darin lösen sich mit einer gewissen Leichtigkeit, die jenseits von Zeit und Raum beschrieben wird. Darin verschwinden hinderliche Einflüsse wie Stress, Zeitdruck oder Angst, da es einem Bewusstseinszustand entspricht, in dem sich die Person am besten fühlt und auch ihre beste Leistung erbringt – wie in einem Flow. Dieser Flow wird ebenfalls in fernöstlichen Traditionen der Meditation beschrieben, und zwar als ein Zustand mentaler Klarheit und Stille. In diesem Zustand sind Situationen, Aufgaben oder Probleme mühelos zu lösen.

Dieses Flow-Erlebnis ist Ihnen wahrscheinlich bewusst oder unbewusst bekannt, etwa wenn Sie vor einer Hürde standen – beispielsweise mental, emotional oder körperlich überfordert waren – und es trotzdem gewagt und geschafft haben.

Der Flow-Zustand hilft dabei, gewohnte Denkweisen zu durchbrechen und sich Herausforderungen neugierig und entspannt zu stellen, um kreative Lösungsmöglichkeiten zu finden. Ein Auslöser für den Flow-Zustand ist eine entspannte Verbundenheit mit dem Körper. Nutzen Sie dafür Ihre Sinne, da das bewusste Wahrnehmen des Hörens, Fühlens, Sehens, Riechens und Schmeckens den Fokus auf den Moment verschärft. Dies führt zu mentaler Klarheit, öffnet neue Gedanken und Ideen.

Achtsame Vorbereitung und Nachbereitung

In gleicher Weise lässt sich die Sinneswahrnehmung bewusst für die Wissensaufnahme nutzen. Dafür verweise ich auf das Achtsamkeits-Konzept:

Intention
Attention
Attitude
  • Nutzen Sie die bewusste Wahrnehmung Ihrer Sinne als Werkzeug, um gelassen und entspannt in die Vorlesung zu gehen. Das hört sich zu einfach an? Zum Beispiel kann der Geschmackssinn dafür genutzt werden, dass für die Vorbereitung bewusst auf gesundes Essen geachtet wird – gesund meint hier das, was immer Ihnen gut tut. Entweder stärken Sie sich bewusst vor dem Lernen und/oder machen bewusst Pausen, um für einen Moment zu entspannen. Dann kann das „Pausenbrot“ zu einem Lichtblick werden, der zu Wohlbefinden und Freude am kreativen Prozess beiträgt.
  • Nutzen Sie Ihr Unterbewusstsein, indem Sie Ihre Kreativität einsetzen: Visualisierungen mit Farben, konkreten Objekten, Worten, Mind-Maps. Das können Sie auch während der Vorlesung tun – Ihr Fokus ist dabei bedeutend. Erlauben Sie sich mit Informationen mental und kinästhetisch (Bewegungswahrnehmung) zu spielen. Der Moment des Schreibens mit Hand und Stift kreiert eine sensomotorische Erinnerung oder auch kinästhetisches Lernen (Marquardt) in der Grosshirnrinde, das bedeutet, Denken und Schreiben wirken über mehrere Sinnessysteme zusammen (Bewegung Hand, visuell, Atem, laut Formulieren/akustisch).
  • Nutzen Sie Ihre Freude und Neugier an dem, was Sie tun und bringen Sie sich in einen Flow-Zustand.
  • Bewusste Atmung beeinflusst den Parasympathikus, also den Teil des vegetativen Nervensystems, der für Ruhe und Entspannung sorgt.
  • Nutzen Sie das Laterale Denkkonzept und integrieren Sie bewusst und kreativ Techniken und Tools für Ihre eigenen Belange – etwa Sprachaufnahmen zur Wiederholung oder Prüfungsvorbereitung, die Sie unterwegs oder nebenher hören können. Eine bewährte Methode ist auch das Hören im Schlaf oder beim Dösen.
  • Nutzen Sie Alltags-Achtsamkeit, indem Sie die Themen Ihrer Wissensverarbeitung bewusst in Ihr Leben integrieren, transferieren, reflektieren.
  • Pflegen Sie eine Achtsamkeit für Freude und Neugier, sie sind ein wertvolles Tool, um Wissen aufzunehmen und zu vertiefen. Ihrer Kreativität und wie Sie Ihr Wissen mit persönlichen Stärken und Interessen kombinieren und ausdrücken sind keine Grenzen gesetzt.
  • Nutzen Sie die Möglichkeiten der erweiterten Wissensaufnahme durch kollektives Lernen mit anderen bzw. im Austausch.

Zum Schluss ein paar Handlungsempfehlungen für die Wissensverarbeitung

Organisieren Sie Ihr Wissen – Kernfragen wie:

  • „Was ist die Essenz der Information?“,
  • „Welche Konzepte habe ich daraus erlernt?“,
  • „Wie kann ich das in meinem Thema verankern?“

Vertiefen Sie Ihr Wissen – Kernfragen wie:

  • „Welchen Bezug hat das Wissen zu … (meiner Vorlesung/Hausarbeit etc.)“,
  • „Welche Stärken/Schwächen sehe ich in dem Wissen?“

Lernprozess – Kernfragen wie:

  • „Wie habe ich die Informationen verstehen können?“,
  • „Ist mir der Lernprozess leicht/schwer gefallen?“,
  • „Wie ging es mir bei der Wissensaufnahme (körperlich, geistig, emotional)?“,
  • „Sehe ich Möglichkeiten, den Lernprozess/die Wissensaufnahme zu optimieren?“
Literatur
  • Bergmann, Roberta (2018). Kopf frei für den kreativen Flow: Übungen, Impulse und Rezepte. Haupt Verlag.
  • Mihaly Csikszentmihalyi:
  • (2019) Das Flow-Erlebnis. Klett-Cotta.
  • (2015) Flow. Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta.
  • (2012) Flow im Beruf. Das Geheimnis des Glücks am Arbeitsplatz. Klett-Cotta.
  • (2010) Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden. Klett-Cotta.
  • (2005) Dem Sinn des Lebens eine Zukunft geben. Eine Psychologie für das 3. Jahrtausend. Klett-Cotta.
  • Eagleman, David & Brandt, Anthony (2018). Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft. Siedler Verlag.
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