Achtsam in Vorlesung und Seminar

Tipps zur achtsamen Wissensaufnahme

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Wenn Sie die anderen Artikel zum Thema Achtsamkeit im Studium gelesen haben, kennen Sie bereits die Grundlagen des Achtsamkeitskonzeptes und haben einen Einblick erhalten, wie sie Achtsamkeit im Studienalltag und bei Entscheidungen für sich nutzen können. Doch auch in der alltäglichsten Studiensituation, dem Besuch einer Vorlesung oder eines Seminars kann es sich lohnen, achtsam zu sein. Im Folgenden möchten wir Ihnen ein paar Beispiele dafür an die Hand geben, wie eine achtsame und aufmerksame Geisteshaltung zu einer verbesserten Wissensaufnahme und -verarbeitung beitragen kann.

 


Achtsamkeit in Hörsaal und Seminarraum

Seminare und Vorlesungen besuchen wir in der Regel aus einem Grund: Wir möchten lernen. Trotzdem kommt es manchmal zu dem Gefühl, im Prinzip nur seine Zeit abgesessen zu haben und fast nichts aus der Vorlesung mitgenommen zu haben. Oft hinterfragen wir das gar nicht, sondern schieben die Schuld daran einer schlecht vorbereiteten Lehrperson, einer suboptimalen Akustik oder quatschenden Sitznachbarn zu. Diese Fälle, bei denen wir selbst an der Situation nichts ändern können, mögen zwar durchaus vorkommen; in vielen Fällen tun sich bei genauerem Hinsehen aber auch Handlungsoptionen auf, mithilfe derer wir die Vorlesungszeit für uns sinnvoller gestalten können.

Achtsamkeitstipp:

Nehmen Sie in der nächsten Vorlesung doch einmal bewusst wahr, wo Sie gerade sind, wie Sie sich fühlen und mit welcher Grundhaltung Sie Ihrer Lehrveranstaltung begegnen. Wichtig ist hierbei wieder, sich selbst und Ihr Verhalten nicht zu verurteilen. Ihren Fokus können Sie dabei z. B. darauf richten, …

… wie Sie sich körperlich fühlen.

  • Ist der Stuhl bequem?
  • Wie ist die Temperatur?
  • Haben Sie Hunger?

… welche Bedürfnisse Sie aktuell verspüren.

  • Wären Sie gerne woanders?

… wie Sie den Inhalten der Vorlesung gegenüber eingestellt sind.

  • Sind Sie neugierig/gelangweilt/eingeschüchtert/aufgeregt?
  • Nehmen Sie es als Chance oder als Belastung wahr, an der Vorlesung teilzunehmen?

… wie Sie mit den Menschen um Sie herum interagieren und diese wahrnehmen.

  • Sitzen Sie alleine oder in einer Gruppe?
  • Beobachten Sie die Kommilitonin oder den Kommilitonen in der Reihe vor Ihnen, die bzw. der gerade auf seinem Laptop online shoppt?

… wie Sie die Lehrperson wahrnehmen.

  • Sind Sie genervt von ihrem hessischen Dialekt?
  • Sind Sie beeindruckt von der Lehrperson?
  • Haben Sie Angst, angesprochen zu werden?)

Vielleicht haben Sie direkt einige wertvolle Erkenntnisse, wenn Sie sich einmal bewusst auf den Moment konzentrieren. Wenn Sie zum Beispiel feststellen, dass Sie sich aufgrund der Temperatur unwohl fühlen oder Ihre Sitznachbarn Sie ablenken, könnten Sie in Zukunft eine dicke Jacke mitbringen oder einen anderen Sitzplatz wählen, um diese Ablenkungen zu vermeiden. Wenn Sie das Thema eigentlich interessiert, Sie sich aber mit einem schlechten Gefühl herumplagen, weil Sie bei der Lehrperson schon einmal durch eine Klausur gefallen sind, kann es hilfreich, dies zu reflektieren. Vielleicht stellen Sie aber auch fest, dass Sie sich sehr wohlfühlen und den Vorlesungsinhalten begeistert folgen.

 


Bewusst lernen

In der Regel besuchen Sie eine Vorlesung oder ein Seminar, weil Sie sich ganz bewusst für einen Studiengang oder ein Fach entschieden haben. Oft rückt jedoch die anfängliche Begeisterung, die Sie vielleicht noch verspürt haben, als Sie die Veranstaltung in Ihren Stundenplan aufnahmen, zu Semesterbeginn in den Hintergrund. Gespräche mit Kommilitonen, verspätete Bahnen, überfüllte Vorlesungsräume lenken von der anfänglichen Vorfreude ab. In diesem Fall sollten Sie sich immer wieder vor Augen führen, was Ihr Ziel ist und warum Sie die aktuelle Veranstaltung besuchen. Für sich selbst Lernziele zu formulieren, kann dabei helfen, den Fokus nicht zu verlieren. Ebenfalls kann es hilfreich sein, zu hinterfragen, wie Sie lernen möchten bzw. ob Sie dabei eine konkrete Strategie verfolgen.
Ein wichtiger Gedanke dazu: Bisher gibt es in der Wissenschaft keine einheitliche Lerntheorie. Stattdessen gibt es verschiedene Strömungen, in denen sich jeweils einzelne dominante Konzepte herauskristallisiert haben. Hierzu gehören:

Lerntheorien
Behavioristische Lerntheorie

Die Behavioristische Lerntheorie, nach der Verhalten grundsätzlich als reaktiv betrachtet wird: Stimulus-Response (Reiz-Reaktion), Klassische Konditionierung (Pawlow), Operante Konditionierung (Skinner).

Kognitive Lerntheorie

Die Kognitive Lerntheorie, nach der Verhalten als bewusster Prozess betrachtet wird und bewusste Denk- und Verstehensprozesse bzw. die Informationsverarbeitung im Mittelpunkt stehen.

Konstruktivistische Lerntheorie

Die Konstruktivistische Lerntheorie, die auf interdisziplinären Ansätzen (Psychologie, Soziologie, Neurobiologie, Pädagogik, Didaktik) beruht und Lernen als ein aktives Konstruieren von Wissen definiert.

Aufgrund der Komplexität kann an dieser Stelle nicht vertieft auf diese Konzepte eingegangen werden. Es ist aber wichtig, sich vor Augen zu führen, dass Lernen ein hochkomplexer Prozess ist und uns dabei Freiräume bleiben, um ihn bewusst und achtsam zu gestalten. Achtsam zu lernen, bedeutet zunächst, sich darüber bewusst zu werden, dass man gerade lernt, wie man lernt und warum man lernt. Automatisierte Prozesse können dann bewusst wahrgenommen werden.
Beim Lernen nutzen Sie Ihre kognitiven Fähigkeiten. Hierzu zählen unter anderem:

  • Lernen durch Beobachtung
  • Vorausschauendes Denken
  • Selbstregulation (Verhalten kann individuell bewertet und reguliert werden)
  • Selbstreflexion (Reflexion über eigene Erfahrungen und Fähigkeiten)
  • Abstraktionsfähigkeit
  • Ziehen logischer Schlussfolgerungen/Erkennen von Zusammenhängen
  • Fokus der Aufmerksamkeit (Attention) auf einen gerichteten Reiz (Information)
  • Denken als Prozess der Informationsverarbeitung
  • Visualisierungsvermögen

Es ist sinnvoll, sich dieser Werkzeuge bewusst zu sein. Versuchen Sie in der Vorlesung doch einmal, sich darauf zu fokussieren, welche Werkzeuge Sie zur Wissensaufnahme anwenden.
Denken Sie auch daran:

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Albert Einstein

Aus diesem Grund kann es sich lohnen, beim Lernen und Zuhören auch einmal die eigene Kreativität einzusetzen. Probieren Sie ruhig einmal aus, ob es kreative Techniken gibt, die es Ihnen einfacher machen, die Vorlesung zu verfolgen. Hierzu zählen etwa Mindmapping oder Brainstorming. Sie können aber auch einmal versuchen, in Ihren Vorlesungsunterlagen mit Farben zu arbeiten, sich aktiv Eselsbrücken auszudenken oder besondere Rituale in die Vor- und Nachbereitung einzubringen.

 


Lernen mit Anfängergeist

Lernen ist ein Privileg, das wir wertschätzen sollten. Obwohl wir Lernen oft mit Mühsal und Arbeit gleichsetzen, sollte nicht unterschätzt werden, wie gesund Lernen eigentlich ist und wie stark wir wirklich vom Erwerb neuer Fähigkeiten profitieren. Dabei ist das gängige Vorurteil, dass wir im Erwachsenenalter nur schwer etwas Neues lernen können, längst widerlegt. Eine Studie konnte beispielsweise nachweisen, dass Erwachsene nicht nur problemlos mehrere neue Fähigkeiten gleichzeitig erlernen können, sondern auch, dass sich unsere kognitiven Fähigkeiten dadurch erheblich verbessern.[1] Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal in der Vorlesung sitzen: Was Sie gerade machen, ist quasi Fitnesstraining für Ihre grauen Zellen!
Zum achtsamen Lernen gehört aber noch etwas Anderes – der „Anfängergeist“. Anfängergeist bedeutet, den Lerninhalten offen, neugierig und ohne Vorurteile gegenüberzustehen. Der Begriff stimmt aus dem Zen. Der Zen-Meister Shunryū Suzuki sagt dazu:

„Im Geist des Anfängers gibt es viele Möglichkeiten. Im Geist des Experten gibt es nur noch wenige Möglichkeiten.“
Shunryū Suzuki

Anfängergeist bedeutet also, sich die eigene Neugier zu bewahren, sich nicht von Erfahrungen und Vorwissen einschränken zu lassen und neuen Themen unvoreingenommen zu begegnen. Oft können wir uns dabei von Kindern eine Scheibe abschneiden, die beim Lernen – neben dem beschriebenen Anfängergeist – sehr oft auch mit deutlich weniger Druck, Angst und negativen Glaubenssätzen vorgehen als Erwachsene.

 


Weiterführende Literatur

Wenn Sie sich näher über die Themen Achtsamkeit und Resilienz informieren möchten, empfehlen wir Ihnen unter anderem die folgenden Werke:

  • Bergmann, R. (2018). Kopf frei für den kreativen Flow: Übungen, Impulse und Rezepte. Bern: Haupt Verlag.
  • Kroll, M. (2018). achtsam lernen – Psychische Gesundheit systemisch bilden. Berlin: Logos Verlag.
  • Suzuki, S. (2016). Zen-Geist – Anfänger-Geist: Unterweisungen in Zen-Meditation, 4. Auflage. Freiburg/Basel/Wien: Herder.

Verwendete Literatur

[1] Leanos, S., et al. (2020). The Impact of Learning Multiple Real-World Skills on Cognitive Abilities and Functional Independence in Healthy Older Adults. Journal of Gerontology: Psychological Sciences, 75 (6), S. 1-15.