Der Mann-Whitney-U-Test in SPSS

Lesen Sie, warum sich der Mann-Whitney-U-Test als voraussetzungsfreies Verfahren als Alternative fĂŒr Gruppenvergleiche eignet und wie der Test in SPSS berechnet und interpretiert wird.
Jean Michael Urday GarcĂ­a | 03.12.2022 | Lesedauer 7 min

Will man Unterschiede zwischen zwei Gruppen in einer ungepaarten Stichprobe untersuchen, sind nicht immer die Voraussetzungen gegeben, einen t-Test fĂŒr unabhĂ€ngige Stichproben zu berechnen. Wie im Beitrag ĂŒber die verschiedenen Varianten des t-Tests dargelegt, setzt der t-Test fĂŒr unabhĂ€ngige Stichproben unter anderem die Normalverteilung der abhĂ€ngigen Variable innerhalb beider Gruppen voraus. Ist diese Voraussetzung nicht erfĂŒllt, so bietet sich ein nicht parametrisches bzw. voraussetzungsfreies Verfahren an.

 

Mann-Whitney-U-Test

Ein solches nicht parametrisches Verfahren liegt mit dem Mann-Whitney-U-Test vor. Der Test wird manchmal auch als U-Test, Wilcoxon-Rangsummentest oder Wilcoxon-Mann-Whitney-Test bezeichnet. Voraussetzung fĂŒr die Anwendung des Mann-Whitney-U-Tests ist eine mindestens ordinalskalierte abhĂ€ngige Variable, sodass das Verfahren auch bei kleinen Stichproben eingesetzt werden kann.

Zur Unterscheidung der zu vergleichenden Gruppen muss zudem eine Variable vorhanden sein, die die Zuordnung der Personen oder Stichprobenelemente zu den beiden Gruppen ermöglicht. Anders als der t-Test fĂŒr unabhĂ€ngige Stichproben fragt der Mann-Whitney-U-Test ausserdem nicht nach Mittelwertunterschieden, sondern nach Unterschieden in den «zentralen Tendenzen» der Stichproben bzw. Gruppen. Die Interpretationen der Tests Ă€hneln sich aber, sodass man in beiden FĂ€llen (nicht) signifikante Gruppenunterschiede ableiten kann.

Dieser Beitrag beinhaltet einen Überblick ĂŒber die Funktionsweise des Tests und zeigt seine praktische Anwendung anhand eines Beispiels in SPSS. GrundsĂ€tzlich bestehen bei SPSS zwei Alternativen, die gewĂŒnschten Berechnungen in das Programm einzugeben: via MenĂŒleiste oder ĂŒber einen Befehlscode, die sogenannte Syntax. Auf eine Eingabe mittels MenĂŒ geht der Beitrag ebenso ein wie auf die Eingabe via SPSS-Syntax.

Ist man im Umgang mit dem Programm fortgeschrittener, so lassen sich Arbeitsschritte ĂŒber diese Syntax effizienter abarbeiten als ĂŒber manuelle MenĂŒeingaben. Auch bei Seminar- und Abschlussarbeiten wird hĂ€ufig gefordert, der Arbeit die verwendete Syntax anzuhĂ€ngen. Sie dient gleichzeitig als von aussen nachvollziehbares Protokoll der Arbeitsschritte.

 

Funktionsweise des Mann-Whitney-U-Tests

Zur ErlĂ€uterung der Funktionsweise des Mann-Whitney-U-Tests schauen wir uns einen fiktiven Datensatz an, der als Beispiel dient. Erfasst wurden die benötigten Minuten fĂŒr die Schulwege von 20 SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern einer Klasse. Wir untersuchen die Frage, ob sich die zentralen Tendenzen der Wegezeiten zwischen Jungen (Geschlecht = 1) und MĂ€dchen (Geschlecht = 2) unterscheiden. Der Mann-Whitney-U-Test basiert auf den RangplĂ€tzen der einzelnen Werte, vergleichbar mit dem Vorgehen beim Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman. Entsprechend werden die Schulwege aufsteigend nach ihrer Dauer sortiert und mit RĂ€ngen versehen. Der kĂŒrzeste Schulweg betrĂ€gt 19 Minuten und erhĂ€lt den Rang 1, wĂ€hrend der lĂ€ngste Schulweg 45 Minuten dauert und Rang 20 erhĂ€lt.

Ein Ă€hnliches Vorgehen ergibt sich, wenn Werte mehrmals vorkommen. In diesem Fall teilen sich die Werte einen Rangplatz und man spricht von verbundenen RĂ€ngen. LĂ€gen z. B. drei SchĂŒlerinnen und SchĂŒler bei 28 Minuten, wĂŒrden sie sich die RĂ€nge 8, 9 und 10 teilen. Zur Ermittlung des gemeinsamen Rangs wĂŒrde man nun den Mittelwert von 8, 9 und 10 berechnen ((8+9+10)/3=9). Die drei SchĂŒlerinnen und SchĂŒler mit der gleichen Wegezeit erhielten also jeweils den Rang 9, die darauffolgende Person den 11. Rang.

Die Übersetzung in RangplĂ€tze hat den Vorteil, dass das Verfahren robust gegen mögliche Ausreisser ist. Zwar berĂŒcksichtigt der Mann-Whitney-U-Test auf diese Weise keine absoluten AbstĂ€nde zwischen den Schulwegen, allerdings wĂŒrde ein Ausreisserwert von 90 Minuten in diesem Beispiel ebenso wie der Wert 45 in der Tabelle den 20. Rang einnehmen.

ID Geschlecht Schulweg in Minuten Rang
1 1 31 11
2 1 32 12
3 1 37 17
4 1 28 8
5 1 45 20
6 1 36 16
7 1 30 10
8 1 29 9
9 1 35 15
10 1 34 14
11 2 26 6
12 2 39 19
13 2 20 2
14 2 19 1
15 2 23 3
16 2 33 13
17 2 38 18
18 2 27 7
19 2 24 4
20 2 25 5

Nach Zuweisung der RĂ€nge werden im nĂ€chsten Schritt die Rangsummen nach Gruppen berechnet. FĂŒr die SchĂŒlerinnen ergibt sich nach Addition der RĂ€nge eine Rangsumme von 78, fĂŒr die SchĂŒler eine Rangsumme von 132. Mit den gruppenweisen Fallzahlen und den Rangsummen liegen nun alle notwendigen Werte vor, die fĂŒr die Berechnung des Tests benötigt werden. Da SPSS alle erforderlichen Arbeitsschritte automatisiert ĂŒbernimmt, ist fĂŒr das VerstĂ€ndnis der Funktionsweise des Mann-Whitney-U-Tests vor allem die beschriebene Zuordnung von RangplĂ€tzen von Bedeutung.

 

Mann-Whitney-U-Test in SPSS

Um in SPSS den Mann-Whitney-U-Test aufzurufen, öffnen wir zunÀchst den Datensatz. Er enthÀlt neben der Identifikationsnummer das Geschlecht und die Wegezeit in Minuten. Die RangplÀtze sind nicht erforderlich, da sie im Zuge des Tests automatisch von SPSS zugewiesen werden.

Datensatz SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Anschliessend gelangen wir ĂŒber das MenĂŒ zum Mann-Whitney-U-Test, indem wir «Analysieren», «Nicht parametrische Tests», «Klassische Dialogfelder» und schliesslich «2 unabhĂ€ngige Stichproben» auswĂ€hlen.

MenĂŒfĂŒhrung SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Nun öffnet sich das folgende Dialogfeld «Tests bei zwei unabhÀngigen Stichproben», in dem das HÀkchen bei «Mann-Whitney-U-Test» bereits standardmÀssig gesetzt ist. Wie gewohnt wird auf der linken Seite eine Liste der Variablen im Datensatz angezeigt. Die abhÀngige Variable bzw. Testvariable wird mit dem Feld oben rechts definiert. In diesem Fall lautet der Name der Testvariable «minuten», sodass wir diese auf der linken Seite markieren und mithilfe des oberen blauen Pfeils in das Feld «Testvariablen» verschieben.

Vergleichbar mit dem Vorgehen beim t-Test ist ausserdem auch hier die Definition einer Gruppierungsvariable notwendig. Da wir Unterschiede zwischen den Geschlechtern untersuchen, unterscheiden wir die zwei Gruppen mithilfe der Variable «geschlecht». Auch diese Variable wird auf der linken Seite markiert und dann mithilfe des unteren blauen Pfeils in das Feld «Gruppierungsvariable» verschoben.

Dialogeld SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Nach einem Klick auf «Gruppen definieren» mĂŒssen wir SPSS zudem vorgeben, welche AusprĂ€gungen der Gruppierungsvariable verglichen werden sollen. In diesem Fall handelt es sich um die AusprĂ€gungen 1 (mĂ€nnlich) und 2 (weiblich). Nach der Festlegung der AusprĂ€gungen gelangen wir mit «Weiter» wieder ins ursprĂŒngliche Dialogfeld.

Gruppen definieren SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Nachdem wir zum Dialogfeld «Tests bei zwei unabhĂ€ngigen Stichproben» zurĂŒckgekehrt sind, stellen wir nach einem Klick auf «Exakt» ausserdem ein, dass wir nicht nur einen asymptotischen, sondern einen exakten Test wĂŒnschen. Wir sollten dabei eine Zeitgrenze definieren, da in manchen FĂ€llen die Gefahr einer deutlich lĂ€ngeren Berechnungsdauer besteht. SPSS (bzw. IBM) empfiehlt, ab einer Dauer von 30 Minuten die Monte-Carlo-Methode zu verwenden.

Wir bestĂ€tigen die Auswahl auch hier mit «Weiter» und gelangen zum AusgangsmenĂŒ zurĂŒck.

Option exakte Tests SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Im ursprĂŒnglichen MenĂŒ können wir ĂŒber die SchaltflĂ€che «Optionen» zusĂ€tzliche Statistiken auswĂ€hlen. Im vorliegenden Fall wird lediglich das HĂ€kchen bei «Deskriptive Statistik» gesetzt und auch hier mit «Weiter» bestĂ€tigt.

Optionen SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

Nachdem alle Einstellungen vorgenommen sind, klicken wir im Dialogfeld «Tests bei zwei unabhÀngigen Stichproben» auf «OK» und SPSS produziert die folgende Ausgabe.

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Statistik in SPSS

Interpretation des Mann-Whitney-U-Tests in der SPSS-Ausgabe

Die erste ausgegebene Tabelle «Deskriptive Statistiken» bietet eine Übersicht ĂŒber die Anzahl der FĂ€lle, Mittelwerte, Standardabweichungen, Minima und Maxima von Test- und Gruppierungsvariable. Zumindest deskriptiv kann man hier bereits ablesen, dass der mittlere Rang der Dauer fĂŒr den Schulweg fĂŒr Jungen höher liegt als fĂŒr MĂ€dchen.

Als NĂ€chstes folgen die Statistiken des Mann-Whitney-U-Tests, die mit der Tabelle «RĂ€nge» beginnen. Hier werden die nach Gruppen aufgeschlĂŒsselten mittleren RĂ€nge und Rangsummen zusammengefasst, die wir bereits oben manuell berechnet hatten.

Darauf basierend folgt die zentrale Tabelle «Teststatistiken». FĂŒr einen Bericht der Ergebnisse und deren Interpretation sind die Zeilen «Mann-Whitney-U», «Z», «Asymptotische Signifikanz (2-seitig)» und «Exakte Signifikanz (2-seitig)» von Interesse.

SPSS berechnet einen exakten und einen asymptotischen Signifikanzwert. In den meisten FĂ€llen ist es nachrangig, welcher der Werte interpretiert wird, da in der Regel beide Werte signifikant oder beide Werte nicht signifikant sind. Ist ein Wert signifikant und der andere nicht, ziehen wir normalerweise die exakte Signifikanz vor.

Manchmal ist die asymptotische Signifikanz aber dann der exakten Signifikanz vorzuziehen, wenn in der abhĂ€ngigen Variable viele identische Werte vorliegen. Eine andere Regel besagt, dass die exakte Signifikanz dann verwendet wird, wenn die Fallzahl der Gruppen zusammengenommen < 30 ist. Sind die addierten Gruppenfallzahlen > 30, so sollte auf die asymptotische Signifikanz zurĂŒckgegriffen werden. Wenn die exakte Signifikanz nicht berechnet werden kann, interpretiert man ohnehin die asymptotische Signifikanz.

Nachdem sowohl asymptotische als auch exakte Signifikanz kleiner als das festgelegte Signifikanzniveau (5 %) sind, keine gleichen Werte vorkommen und eine kleine Fallzahl vorliegt, können wir fĂŒr die Interpretation die exakte Signifikanz wĂ€hlen.

Da der Wert p = .043 ist, können wir interpretieren, dass ein signifikanter Unterschied in der Dauer des Schulwegs zwischen MĂ€dchen und Jungen vorliegt. In der Sprache des Tests kann man auch formulieren, dass sich die mittleren RĂ€nge der Testvariable «minuten» fĂŒr die Gruppen der Variable «geschlecht» signifikant voneinander unterscheiden.

Ausgabe SPSS Mann-Whitney-U-Test

 

 

Berechnung der EffektstÀrke

Zwar wissen wir nun, dass signifikante Gruppenunterschiede vorliegen, allerdings können wir aus der SPSS-Ausgabe keine EffektstĂ€rke ablesen. Da die EffektstĂ€rke in quantitativen Analysen aber zu den wichtigsten Kennzahlen gehört, können wir sie selbst berechnen und schliesslich berichten. HierfĂŒr kann die EffektstĂ€rke r oder das Bestimmtheitsmass RÂČ ermittelt werden. DafĂŒr benötigen wir jeweils die Teststatistiken aus der Ausgabe (z-Statistik und Stichprobengrösse) und können die EffektstĂ€rken anschliessend wie folgt berechnen:

  • EffektstĂ€rke r:
    • r = z/√N = -2.041/√20 = -0.456
  • Bestimmtheitsmass RÂČ:
    • o RÂČ = zÂČ/N = -2.041ÂČ/20 = 0.208

Die EffektstĂ€rke r = -0.456 kann entsprechend der Literatur als mittlerer Effekt interpretiert werden. Das Bestimmtheitsmass RÂČ gibt den Anteil der erklĂ€rten Varianz an der Gesamtvarianz an, sodass durch das Geschlecht 20.8 % der Unterschiede in der Dauer der Schulwege erklĂ€rt werden können.

Die zuvor beschriebene SPSS-Ausgabe kann alternativ mithilfe der nachfolgenden Syntax produziert werden. Mit dem einleitenden Befehl «NPAR TESTS» wird ein nicht parametrischer Test eingeleitet, der in der folgenden Zeile mit «/M-W=  » auf den Mann-Whitney-U-Test festgelegt wird. In derselben Zeile werden Test- und Gruppierungsvariable inklusive GruppenausprĂ€gungen definiert. Mithilfe der weiteren Zeilen werden optionale Statistiken, der Umgang mit fehlenden Werten und die gewĂŒnschte Methode («Nur asymptotisch», «Monte-Carlo» oder «Exakt») ausgewĂ€hlt.

 

NPAR TESTS
  /M-W= minuten BY geschlecht(1 2)
  /STATISTICS=DESCRIPTIVES
  /MISSING ANALYSIS
  /METHOD=EXACT TIMER(5).
WeiterfĂŒhrende Literatur:

Bortz, J., Schuster, C. (2010). Statistik fĂŒr Human- und Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer

Eckstein, P. P. (2017). Datenanalyse mit SPSS. Wiesbaden: Springer.

Steiner, E., Benesch, M. (2018). Der Fragebogen: Von der Forschungsidee zur SPSS-Auswertung. Stuttgart: UTB.

 

 

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