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Viel mehr als Märchenstunde – Storytelling in der Wissenschaft

Storytelling ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. Geschichten begleiten uns durch unsere Kindheit, sie werden von Generation zu Generation weitergetragen, transportieren Werte, erhalten den kulturellen Horizont und vermitteln Emotionen. Doch sie können noch mehr als unterhalten – daher ist Storytelling längst auch in der Wissenschaft angekommen.

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Storytelling zwischen Wissenschaft und Praxis

Geschichten erzählen liegt Menschen einfach im Blut. Wir erzählen schon kleinen Kindern Märchen und Fabeln, reichen unsere Traditionen und Werte in Form von Geschichten an die nächste Generation weiter, erhalten den Verlauf des menschlichen Daseins als Storys und berichten in Erzählform von unseren ganz persönlichen Erlebnissen. Doch auch in der Wissenschaft ist Storytelling längst angekommen – und zwar gleich in zweierlei Hinsicht, denn Wissenschaft beschäftigt sich mit den Funktionsweisen von Potenzialen von Storytelling in den verschiedensten Kontexten, sie erzählt aber auch selbst Geschichten, um nachhaltig Wissen zu vermitteln, Lesende zu begeistern und die Welt der Wissenschaft ein Stück weit zu öffnen.

„Storytelling is the most powerful way to put ideas into the world.“
Professor Robert McKee

Storytelling – was ist das eigentlich?

Wie bei jedem aktuellen Schlagwort, das verschiedene Diskurse prägt, besteht auch bei Storytelling die Gefahr, dass die Bedeutung des Begriffs gar nicht so richtig bekannt ist oder mit der Zeit verwässert. Dem schaffen wir mit einer fundierten Definition Abhilfe! In Bezug auf Storytelling gar kein einfaches Unterfangen, denn der Begriff beschreibt ein breit gefächertes Phänomen.

Zunächst lohnt ein Blick auf die Bestandteile des Wortes: Story und Telling, also Geschichte und Erzählen – so weit, so gut. Aber ist jede Geschichte, die erzählt wird, gleich auch Storytelling im eigentlichen Wortsinn? Nicht unbedingt! Unter dem Schlagwort Storytelling wird eine Methode des Erzählens verstanden, bei dem Erzählen nicht Selbstzweck ist, sondern dazu dient, Wissen bzw. Informationen, Emotionen und Meinungen zu vermitteln bzw. zu verstärken.1 Auch wenn dieser Anspruch wohl von so ziemlich jeder erzählten Geschichte erfüllt wird – schliesslich möchte man auch Emotionen erzeugen und Zuhörende fesseln, wenn man vom eigenen Tag in der Universität oder dem letzten Urlaub erzählt –, ist zumeist dann tatsächlich von Storytelling die Rede, wenn der Vermittlungsaspekt im Mittelpunkt steht, nicht die Geschichte. Kontexte, in denen besonders häufig Storytelling eingesetzt wird, sind beispielsweise Marketing, d. h. die Gestaltung von Werbung, die Kommunikation von Unternehmen nach aussen, das Wissensmanagement,2 die Wissensvermittlung, journalistische Berichterstattung, Ghostwriting und sogar psychotherapeutische Behandlungen.

1 Delgadillo & Edson, 2004, S. 186.
2 Erlach & Thier, 2004, S. 207.

Die Macht des Geschichtenerzählens

Nun stellt sich die Frage, warum denn ausgerechnet eine Geschichte besser dazu geeignet sein sollte, Inhalte und Emotionen zu vermitteln, als ein Schaubild, eine sachliche Darstellung oder Ähnliches. Die Antwort liegt in der menschlichen Natur: Wir können Geschichten ganz einfach viel besser folgen. Storytelling arbeitet gewissermassen mit einem Überraschungseffekt: Die menschliche Kognition folgt einem stringenten Narrativund nimmt dabei quasi nebenbei neue Informationen auf. Doch nicht nur die Aufnahme dieser Informationen ist leichter, wenn diese einem roten Faden in Form einer Geschichte folgt. Auch das Wiederabrufen der Informationen ist unkomplizierter möglich, weil beim Erinnern an das neu erworbene Wissen der rote Faden der erzählten Geschichte erneut aufgerollt wird – die Informationen werden entlang der Geschichte erinnert, statt einfach lose im Gedächtnis verankert zu sein. Der Grund hierfür sind Assoziationen, die das menschliche Lernen unterstützen. Die vermittelten Informationen werden mit irrelevanten, aber leicht zu merkenden Aspekten einer Geschichte verbunden, sodass nur ebendiese Aspekte abgerufen werden müssen, um die an diesen hängenden Informationen ebenfalls abrufen zu können.

Neben dem Aspekt der Informationsvermittlung ist Storytelling jedoch auch eng mit emotionalen Zielsetzungen verknüpft und wird im Rahmen dessen oftmals in der Werbung eingesetzt.3 Die grundsätzliche Funktion ist hierbei die gleiche. Schliesslich ist die einfache Werbebotschaft ‚Unsere Schokolade ist die Beste!‘ längst nicht so eindrucksvoll wie ein Werbespot, im Zuge dessen es gelingt, die beworbene Schokolade mit dem Gefühl von Weihnachten im Kreis der Familie, mit dem Knistern eines Kamins, einer sternenklaren Nacht und einer ordentlichen Portion Nostalgie aus der eigenen Kindheit im Gehirn der Rezipient*innen zu verankern. Dies gelingt durch gelungene Dramaturgie, das effektive Spiel mit narrativen Elementen sowie einer sinnvollen und bekannten Struktur der erzählten Geschichte. Auch eine emotional für die Zuschauenden oder Zuhörenden zugängliche Hauptfigur als Held*in der Geschichte wirkt Wunder – auf diese Weise gelingt es sogar, eine recht langweilige (und gar nicht mal so gesunde) Alltagstätigkeit wie das Rauchen mit der Stimmung des Wilden Westens, einem Sonnenuntergang im Grand Canyon und der Freiheit der Prärie auf einem Pferderücken in Verbindung zu bringen.

3 Lugmayr et al., 2016, S. 15710.

Storytelling als Forschungsgegenstand

Storytelling funktioniert! Das ist verschiedenen Interessensgruppen von der Werbung bis in die Didaktik mittlerweile klar geworden. Dementsprechend euphorisch wird Storytelling in der Wissenschaft untersucht, um das Potenzial dieses Instruments vollends ausschöpfen zu können. So einfach wie die Funktionsweise von Storytelling in der Praxis ist, so komplex sind die dahinter liegenden kognitiven Mechanismen, die sich dementsprechend für eine wissenschaftliche Betrachtung anbieten:

  • So fragt beispielsweise die Literaturwissenschaft: Was hat Storytelling eigentlich mit der Erzähltheorie zu tun?
  • In den Neurowissenschaften interessiert: Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir Informationen in einer Geschichte aufnehmen?
  • Die Betriebswissenschaft fragt: Wie können wir Storytelling nutzen, um ein Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher zu machen?4
  • Auch für die Pädagogik und Didaktik ist Storytelling interessant: Wie kann Storytelling genutzt werden, um effektiv und gleichzeitig spannend Unterrichtsinhalte an Kinder und Jugendliche zu vermitteln?

Die Liste liesse sich wohl noch eine Weile fortführen. Storytelling hat sich in den letzten Jahren zudem zu einem Dauerbrenner für Abschlussarbeiten in verschiedenen Fachbereichen entwickelt. Die Gründe dafür, dass Storytelling Grundlage vieler Bachelorarbeiten, Masterarbeiten und anderer Qualifikationsarbeiten ist, liegen auf der Hand:

  1. Es ist ein hochaktuelles Thema und wird dies auch bleiben – schliesslich ändert sich die Funktionsweise des menschlichen Gehirns nicht so einfach. Eine Storytelling-Hausarbeit ist demnach immer up to date.
  2. Es lässt sich aus den verschiedensten Perspektiven betrachten und verbindet theoretisches Wissen mit Potenzialen der Praxisanwendung.
  3. Aufgrund der hohen Relevanz in vielen Fachbereichen und Kontexten ist Storytelling-Literatur zahlreich – und trotzdem gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.
  4. Storytelling ist, wie oben gezeigt, in nahezu jedem Fachbereich von Relevanz: von den Wirtschaftswissenschaften, über die Psychologie bis hin zu diversen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften.

4 Bittelmeyer, 2004, S. 70.

Sie suchen noch ein Thema für Ihre Abschlussarbeit? Mit einer Storytelling-Bachelorarbeit oder -Masterarbeit sind Sie auf jeden Fall am Puls der Zeit.

Storytelling in der Wissenschaft – eine didaktische Wunderwaffe?

Storytelling spielt in der Wissenschaft nicht nur als Forschungsgegenstand eine zentrale Rolle. Wie bereits erwähnt, ist es ein mächtiges Werkzeug für die Wissensvermittlung und ist als solches mittlerweile auch in den Vorlesungssälen und Seminarräumen (ob online oder offline) angekommen. Eine didaktische Wunderwaffe ist Storytelling dennoch nicht. Der Grund? Eine Geschichte wird vom menschlichen Gehirn nicht bis in jedes Detail aufgenommen, sondern im Gedächtnis eher als ein Gesamtkonstrukt hinterlegt. Dadurch fällt es schwerer, Detailwissen abzufragen. Zudem ist es im Rahmen von Storytelling in der Wissenschaft oftmals nicht möglich, in die Tiefe zu gehen und inhaltlich anspruchsvolle Themen vollständig abzubilden. Von einem inflationären Gebrauch von Storytelling ist demnach abzuraten, denn Wissenschaft ist nun einmal nicht immer eine spannende Geschichte.5 Dennoch gilt: Moderne Didaktik wird nicht umhinkommen, sich insbesondere für einleitende Übersichtsdarstellungen hier und da dem Storytelling zu bedienen.

Doch Wissenschaft findet nicht nur in Lehrveranstaltungen bzw. in Form von Wissensvermittlung zwischen Dozierenden und Studierenden statt, sondern wird in Fachbüchern, Fachartikeln, Tagungsbeiträgen oder gegenüber der nicht akademischen Öffentlichkeit aufgearbeitet. Was könnte hier besser geeignet sein, um die rationale und – sind wir ehrlich – oft trockene Welt der Wissenschaft für Aussenstehende aufzuarbeiten, als eine gut erzählte, packende und dann auch noch informative Geschichte? Das Prinzip ist hierbei das gleiche, das auch in der Werbung greift: Forschende verpacken ihre Forschungsprojekte in Geschichten und schaffen es damit, andere Personen – seien es Rezipient*innen ausserhalb der Wissenschaft oder Geldgeber*innen wie Stiftungen oder Unternehmen – in den Bann zu ziehen, auch wenn diese womöglich die Materie selbst fachlich überhaupt nicht durchdringen können. Ein paar Beispiele gefällig?

5 Dahlstrom, 2014, S. 13614.

  • Die Reisekultur des Mittelalters kann eine durchaus trockene Angelegenheit sein. Urkunden müssen gewälzt werden, kilometerweise Aufzeichnungen über Reiseerlebnisse werden transkribiert, Rechnungsbücher werden abgeglichen. Klingt nicht, als wäre das Endergebnis eine Lektüre, die irgendjemanden ausserhalb der Mauern der geschichtswissenschaftlichen Fakultät interessiert, oder? Doch Storytelling macht es möglich! Die Forschenden konstruieren anhand einer emotional zugänglichen und sympathischen Hauptfigur eine historisch akkurate, aber dennoch unterhaltsame Erzählung über die erforschten Reiserouten.
  • Der informationstechnologischen Fakultät einer Universität gelingt ein Durchbruch im Bereich der künstlichen Intelligenz. Doch es fehlen die Mittel, um weiter zu forschen – es müssen also zahlungswillige Unternehmen gefunden werden. Statt auf Datenbasis auf Hunderten Seiten darzulegen, welche Ziele mit der neuen Technologie verfolgt werden, wird eine emotionale Geschichte darüber verfasst, was abseits von Daten und Technik mit den neuen Erkenntnissen geschaffen werden kann. Dabei werden typische Problemsituationen lebendig beschrieben und emotional fesselnd alsbald möglichen Lösungen gegenübergestellt.
  • Beim Tag der offenen Tür versucht der Fachbereich Chemie, Abiturient*innen für das eigene Fach zu begeistern. Doch Formelsammlungen und nichtssagende Versuchsaufbauten vermögen nicht so recht zu überzeugen – vor allem nicht die Interessierten, die eben noch keine Kenntnisse im Fachbereich mitbringen. Stattdessen setzt die Fachschaft darauf, die Geschichte der Chemie in Form von spannenden Erzählungen wiederzugeben: Was trieb die ersten Chemiker*innen an? Wie wurde Chemie, was sie heute ist? Welche beruflichen Optionen öffnen sich mit einem Studium der Chemie? Eine gelungene Wissenschaftskommunikation öffnet den Fachbereich auch für (noch) Unwissende.

Wissenschaft muss also immer rational und fundiert sein – sie muss jedoch nicht immer trocken und schwerfällig sein. Storytelling macht es möglich und ist dabei keineswegs ein Widerspruch zum nüchternen Wissenschaftsalltag, sondern eher eine erfrischende Ergänzung. Storytelling vermag es, den Mikrokosmos der Wissenschaft für Aussenstehende zu öffnen, ohne Kompromisse hinsichtlich der eigenen Ansprüche zu akzeptieren.

Storytelling-Wettbewerb

Im Herbst 2019 haben wir, die Ghostwriter-Agentur ACAD WRITE, zu einem Storytelling-Wettbewerb aufgerufen. Aus über 100 Einsendungen wurden im Mai 2020 drei Gewinner*innen gekürt und erhielten Preisgelder. Die Jury bestand aus Pia Klein Wieskamp, Michael Hübler, Petra Sammer und Jörg Ehrnsberger.

Den ersten Platz gewann Jochen Schicht, den zweiten Platz gewann Lina Naji und der dritte Platz ging an Mehrnousch Zaeri-Esfahani. Alle Rechte liegen bei den Autor*innen.

Literatur
  • Bittelmeyer, A. (2004). Geschichten, die das Unternehmen schreibt. Storytelling. Manager-Seminar, 78, 70–78.
  • Dahlstrom, M. F. (2014). Using narratives and storytelling to communicate science with nonexpert audiences. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(4), 13614–13620.
  • Delgadillo, Y. & Escalas, J. E. (2004). Narrative word-of-mouth-communication: Exploring memory and attitude effects of consumer storytelling. ACR North American Advances, 31, 186–192.
  • Ehrlach, C. & Thier, K. (2004). Mit Geschichten implizites Wissen in Organisationen heben. In B. Wyssusek (Hrsg.), Wissensmanagement komplex. Perspektiven und soziale Praxis (S. 207–226). Berlin: Erich Schmidt Verlag.
  • Lugmayr, A., Sutinen, E., Suhonen, J., Sedaon, C. I., Hlavacs, H. & Montero, C. S. (2016). Serious Storytelling – a first definition and review. Multimedia Tools and Applications, 76(14), 15707–15733.