Das Modell der kulturellen Dimensionen nach Hofstede

Kulturelle Dimensionen nach Hofstede – ein populäres Modell zur Beschreibung kultureller Merkmale von Ländern. Unsere Expertin erklärt

Christiane | 31.03.2023 | Lesedauer 6 min

Die kulturellen Dimensionen nach Hofstede sind ein populäres Modell zur Beschreibung kultureller Merkmale von Ländern, das im Rahmen der Betriebswirtschaftslehre vor allem im interkulturellen Management Anwendung findet. Multinationale Unternehmen sind in den verschiedenen Ländern, in denen sie tätig sind, häufig mit kulturellen Gegebenheiten konfrontiert, die sich von denen in ihrem Heimatland bisweilen stark unterscheiden. So kann die jeweilige Kultur eines Landes etwa Einfluss haben auf die Kommunikation, die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter:innen oder die Verhandlungsweise. Unkenntnis über diese kulturellen Unterschiede kann daher schnell zu Missverständnissen führen, die einen Markteintritt oder eine Marktbearbeitung in einem neuen Land erschweren. Vor diesem Hintergrund führte Hofstede über mehrere Jahre eine empirische Studie unter Mitarbeiter:innen des Unternehmens IBM aus verschiedenen Ländern durch. Ergebnis der Studie war, dass der kulturelle Hintergrund der Mitarbeiter:innen deren Einstellungen, Verhalten und Werte in Bezug auf die Arbeit beeinflusst. Auf Grundlage dieser Ergebnisse entwickelte Hofstede dann sein Modell, mit dem Länder anhand von sechs kulturellen Dimensionen verglichen werden können, sodass sich kulturelle Unterschiede zwischen diesen Ländern leicht verständlich und anschaulich darstellen lassen.

 


«With a computer metaphor, culture is the software of our minds. We need shared software in order to communicate. So culture is about what we share with those around us.»
Geert Hofstede


 

Die sechs kulturellen Dimensionen nach Hofstede

In seinem Modell identifiziert Hofstede sechs Dimensionen, die eine Kultur charakterisieren. In verschiedenen Kulturen bzw. Ländern können diese Dimensionen unterschiedlich stark ausgeprägt sein, sodass sich zum einen kulturelle Gemeinsamkeiten, zum anderen kulturelle Unterschiede zwischen einzelnen Ländern erkennen lassen.

Individualismus vs. Kollektivismus: Diese Dimension beschreibt den Grad, zu dem sich Mitglieder einer Gesellschaft eher als Individuum sehen oder als Teil eines Kollektivs. In individualistisch geprägten Kulturen legen Menschen einen grösseren Wert auf ihre Individualität, ihre Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit, während in kollektivistisch geprägten Kulturen die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, das Wir-Gefühl und die gegenseitige Loyalität innerhalb dieser Gruppe als wichtiger erachtet werden. Länder mit hohen individualistischen Werten sind etwa die USA oder Kanada, während südostasiatische Länder wie beispielsweise China oder Indonesien stark kollektivistisch geprägt sind.

Kulturdimensionen nach Hofstede

 

Power Distance

Machtdistanz:

Diese Dimension verweist auf die Machtverhältnisse bzw. die Verteilung von Macht innerhalb eines Landes sowie auf die Bereitschaft der Bevölkerung, eine ungleiche Machtverteilung in der Gesellschaft zu akzeptieren. Die Ausprägung von Machtdistanz und die daraus folgende Gleichheit oder Ungleichheit zeigen sich vor allem in hierarchisch strukturierten Beziehungen, wie etwa innerhalb der Familie, in der Schule und im Berufsleben. In Ländern mit hoher Machtdistanz neigen Menschen eher dazu, ihren mitunter niedrigeren hierarchischen Status hinzunehmen und beispielsweise Entscheidungen von hierarchisch höher gestellten Personen nicht zu widersprechen, während in Ländern mit niedriger Machtdistanz Gleichberechtigung, flache Hierarchien und partizipative Entscheidungen bevorzugt werden. Länder mit einer niedrigen Machtdistanz sind zum Beispiel Dänemark, Österreich und Schweden, wohingegen etwa in Indien, Malaysia und Mexiko eine hohe Machtdistanz herrscht, das heisst, die ungleiche Machtverteilung innerhalb dieser Gesellschaften wird von der Bevölkerung anerkannt.

Feminity and Masculinity

Femininität vs. Maskulinität:

Mit dieser Dimension wird erfasst, zu welchem Ausmass traditionelle Geschlechterrollen innerhalb einer Gesellschaft vorherrschen und inwieweit diese akzeptiert werden. In Ländern, die eher maskulin geprägt sind, ist die geschlechterbezogene Rollenverteilung klar geregelt, das heisst, es gibt eine eindeutige Zuweisung von Aufgaben, Eigenschaften und Werten sowohl für Männer als auch für Frauen, die strikt voneinander abgegrenzt sind. In eher femininen Kulturen ist die Rollenverteilung nicht mehr eindeutig, das heisst, es gibt beispielsweise keine typisch männlichen oder weiblichen Berufe. Die Dimension Femininität und Maskulinität verweist zudem auf den Grad an eher feminin oder eher maskulin assoziierten Merkmalen innerhalb einer Gesellschaft. Als maskulin werden beispielsweise Konkurrenzdenken, Leistungsorientierung und ein starker Wunsch nach Anerkennung betrachtet, während die Bereitschaft zu Kooperation und das Streben nach Gleichberechtigung eher als feminin gewertet werden. Japan und Italien gelten etwa als stark maskulin geprägte Länder, die Niederlande und Norwegen dagegen als stark feminin.

Unvertainty Avoidance

Unsicherheitsvermeidung:

Hier geht es um die Frage, bis zu welchem Ausmass Unsicherheit und Ungewissheit in einer Gesellschaft toleriert werden, das heisst, ob Mitglieder einer bestimmten Kultur angesichts einer unbekannten Situation oder einer ungewissen Zukunft eher positiv und hoffnungsvoll oder eher negativ und ängstlich gestimmt sind. Dies zeigt sich vor allem im Umgang mit und in der Akzeptanz von Innovationen, neuen Gegebenheiten oder gesellschaftlichem Wandel. Während Kulturen, die positiv in die Zukunft blicken, Neuerungen offen gegenüberstehen und Ungewissheit nicht als Bedrohung betrachten, herrscht in Kulturen, die mit Unsicherheit weniger gut klarkommen, eine gewisse Angst vor dem Unbekannten, der mit einer Vielzahl an Planungen, Regeln und Vorgaben begegnet wird, um die Unsicherheit zu verringern. Zu den Ländern mit einer hohen Unsicherheitsvermeidung gehören etwa Belgien und Polen, Länder mit einer niedrigen Unsicherheitsvermeidung sind beispielsweise China und Jamaika.

Long-term orientation

Kurzzeit- vs. Langzeitorientierung:

Mit dieser Dimension wird beschrieben, welcher Zeithorizont dem Denken und den Handlungen von Mitgliedern einer Gesellschaft zugrunde liegt. Während sich eine Kurzzeitorientierung durch eine Fokussierung auf die Gegenwart und durch Streben nach schnellem Erfolg charakterisieren lässt, sind Gesellschaften mit einer Langzeitorientierung in ihrem Denken und Handeln stärker auf die Zukunft ausgerichtet, das heisst, in solchen Kulturen haben vorausschauende und nachhaltige Lösungen sowie Verpflichtung und Commitment einen höheren Stellenwert. China und Japan zählen beispielsweise zu den Ländern mit einer starken Langzeitorientierung, die USA und Grossbritannien zu den Ländern mit einer starken Kurzzeitorientierung.

Indulgance

Genussorientierung vs. Zurückhaltung:

Die sechste Dimension wurde als letzte von Hofstede zu den kulturellen Merkmalen hinzugenommen. Sie verweist auf die Art und Weise, wie Angehörige einer Kultur mit ihren Bedürfnissen umgehen. Dazu zählen etwa die Freizeitgestaltung, die Selbstverwirklichung und die Sexualität. Gesellschaften, die stark genussorientiert sind, legen einen grossen Wert auf freie Entfaltung, auf Bedürfnisbefriedigung und auch auf Freundschaften. Das Leben wird hier insgesamt mehr positiv wahrgenommen und der Zukunft wird eher optimistisch entgegengeblickt. In Gesellschaften, die sich eher durch Zurückhaltung in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse auszeichnen, werden Selbstkontrolle und Pflichterfüllung höher geschätzt. Länder mit einem hohen Wert in Bezug auf die Genussorientierung sind beispielsweise Australien und die USA, während China und Russland zu den Ländern mit einem niedrigen Wert in Bezug auf die Genussorientierung gehören.

 

«Are there more dimensions? Since dimensions are imagined, not ‚out there‘, there can be many more. Any study will reveal its own pattern, so yes, other dimensions can be found.» Quelle

 

Hofstedes Betriebswirtschaftliche Relevanz

Anhand der kulturellen Dimensionen nach Hofstede lassen sich verschiedene Länder bzw. Kulturen unterscheiden. Die jeweilige Ausprägung der sechs Dimensionen innerhalb einer Kultur manifestiert sich sowohl in gesellschaftlichen Normen und Werten als auch in bestimmten Denk- und Verhaltensmustern. Der Einfluss der Kultur ist vielen dabei nicht bewusst, da kulturell geprägte Handlungsmuster oder Denkweisen in der Regel unbewusst ablaufen. Aufgrund dieses Umstandes können sich für Unternehmen, die in unterschiedlichen Ländern aktiv sind, Probleme ergeben, deren Ursache kulturelle Unterschiede sind, die zuvor entweder nicht bekannt waren oder deren Einfluss nicht als wichtig erachtet wurde. Die betriebswirtschaftliche Relevanz der kulturellen Dimensionen nach Hofstede liegt daher vor allem in der Erkenntnis, dass es signifikante kulturelle Unterschiede zwischen Ländern gibt, die im unternehmerischen Kontext insbesondere die Kommunikation, den Führungsstil, die Zusammenarbeit in interkulturellen Teams und die Marktbearbeitung von international tätigen Unternehmen beeinflussen können. Verhaltensweisen, die in einem Land zum normalen zwischenmenschlichen Umgang gehören, können beispielsweise in einem anderen Land für Unverständnis sorgen. Die Kenntnis kultureller Besonderheiten und das Bewusstsein für deren Bedeutung etwa in Verhandlungen oder in Marketingmassnahmen kann sich daher positiv auf den Erfolg von internationalen Unternehmen auswirken. Obwohl das Modell der kulturellen Dimensionen wichtige Erkenntnisse zu kulturellen Unterschieden liefert, weist es dennoch einige Limitationen auf:

  • Zu geringe Anzahl an Dimensionen: Eine Kultur lässt sich mit weitaus mehr Faktoren beschreiben als mit den sechs Dimensionen des Modells.
  • Zu allgemein: Eine Kultur ist kein homogenes Konstrukt, das sich nur nach aussen abgrenzen lässt. Vielmehr sind Kulturen in sich heterogen und divers mit vielen unterschiedlichen Facetten.
  • Datengrundlage zu alt und zu begrenzt: Das Modell wurde bereits in den 1970er-Jahren entwickelt, und zwar auf der Grundlage von Daten, die nur in einem Unternehmen erhoben wurden. Eine Aktualisierung und Erweiterung der Daten erscheint daher sinnvoll.

Aufgrund dieser Begrenzungen und Verallgemeinerungen sollte das Modell nur als ein Hilfsmittel und als ein erster Schritt zum Verständnis kultureller Unterschiede betrachtet werden.

 

Die sechs kulturellen Dimensionen

Hofstede's Globe

Für tiefergehende und weiterführende Informationen zu den kulturellen Dimensionen nach Hofstede empfehlen wir Ihnen vor allem die Lektüre der Originalquelle:

  • Hofstede, Geert; Hofstede, Gert Jan & Minkov, Michael (2017): Lokales Denken, globales Handeln: interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. 6., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: dtv Verlag.

Darüber hinaus bieten auch die folgenden Webseiten einen guten Überblick und Einstieg in das Thema der kulturellen Dimensionen nach Hofstede:

Des Weiteren finden sich Beiträge und Bezüge zu den kulturellen Dimensionen nach Hofstede in Werken zum interkulturellen Management und interkulturellen Marketing sowie zur interkulturellen Kommunikation und multinationalen Unternehmensführung.