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Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring: Beispiel
Nachfolgend wird eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring dargestellt (vgl. Mayring, 2010, S. 473). Es gibt mehrere Unterformen, die sich für bestimmte Arten von Daten und Forschungsfragen eignen, diese ist jedoch die häufigste. Wichtig ist hier bei der Sichtung des Materials, also beim Durchlesen der Interviews, stets die Fragestellung der Arbeit im Hinterkopf zu haben, da sie dabei hilft, die wichtigsten Aspekte und Passagen der Interviews zu identifizieren.
Nehmen wir z. B. die Fragestellung, wie Pflegekräfte emotional belastende berufliche Situationen meistern.
Beim mehrmaligen Lesen der Interviewtexte werden Kategorien anhand bestimmter Themen und Aussagen gebildet. Die Kategorienbildung kann auf zwei Wegen erfolgen: entweder deduktiv oder induktiv.
Deduktiv bedeutet, dass die Ausgangshypothesen und die Erkenntnisse aus der Literatur die Kategorien liefern.
Aus der Fachliteratur der Pflegewissenschaften entnommene Kategorien könnten z. B. sein: Unterstützung durch Führungspersonal, belastende Umstände wie Zeit- oder Materialmangel oder Rahmenstrukturen wie Schichtarbeit und Bezahlung.
Induktiv bedeutet, dass die Kategorien dem Interviewmaterial entnommen werden, je nachdem, welche Aspekte die Interviewten regelmässig ansprechen. Bei induktiver Kategorienbildung erfolgt die Codierung, also das Sortieren der Aussagen in die Kategorien, parallel zu der Kategorienbildung.
Es sind auch Kombinationen möglich, zum Beispiel, wenn vorab Kategorien formuliert werden, die dann im Laufe der Untersuchung mit induktiv gewonnenen Erkenntnissen modifiziert werden.
Das Material wird nun codiert. Dabei werden die Informationen und Aussagen des Interviews in die bestehenden Kategorien eingeordnet (vgl. Mayring & Fenzl, 2019, S. 639). Es müssen nicht alle Sätze einer Kategorie zugeordnet werden, nur die wichtigen Aussagen. Was wichtig ist, liegt natürlich immer ein wenig im subjektiven Ermessen der Forschenden. Deshalb ist es hilfreich, stets die Forschungsfrage der Arbeit als Frage an den Text zu stellen. Weiterhin gute Merkmale für wichtige Aussagen sind inhaltliche Widersprüche der Interviewten, Pausen, auffällige Wiederholungen oder plötzliche Abbrüche von angefangenen Sätzen.
Schliesslich muss die Zahl der Kategorien gut überdacht werden. Es sollen einerseits so viele Kategorien vorhanden sein, dass alle wichtigen Aussagen des Textes von ihnen erfasst werden können. Gleichzeitig dürfen es nicht zu viele werden, sondern sollen so wenige sein, dass sich noch eine spürbare Zusammenfassung und Abstraktion der Gesprächsinhalte ergibt.
Wichtig ist in diesem Schritt der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, dass das Textmaterial systematisch ausgewertet und für die folgende Interpretation nutzbar gemacht wird. Bei induktiver Kategorienbildung erfolgt die Codierung zeitgleich mit der Kategorienbildung.
Nach Abschluss der Codierung werden die gewonnenen Erkenntnisse ausgewertet, die Aussagen der Expertinnen werden in diesem Schritt interpretiert. Dies sollte Schritt für Schritt erfolgen. Fragliche Aussagen der Expertinnen können auf mögliche Bedeutungen hin diskutiert werden, schwer verständliche Teile noch genauer erklärt und Widersprüchliches eingeordnet werden. Hier geht es hauptsächlich um eine deskriptive Darstellung der Innenperspektive der Expertinnen. Um die Transparenz der Darstellung zu erhöhen, können hier auch die wichtigsten Schlüsselstellen aus dem Text unter Angabe der Nummer des Interviews und der entsprechenden Zeilennummern im Ganzen zitiert werden.
Einen normativen Einfluss erhält die Auswertung, wenn die Sichtweise der Expertinnen zusätzlich noch bewertet und interpretiert wird. Wichtig ist dabei, dass der Sinngehalt der Aussage der Expertinnen nicht verfälscht wird. Die Forschenden müssen sprachlich klar zwischen den Aussagen der Interviewten und den Schlussfolgerungen trennen, die sie selbst aus dem Gesagten ziehen. So können andere Leserinnen überprüfen, ob sie ähnliche Interpretationen und Schlussfolgerungen ziehen würden.
Mithilfe einer Zusammenhangsanalyse können darüber hinaus auch Wirkungen zwischen Kategorien, Variablen, Hypothesen und Theorien geprüft werden (vgl. Mayring, 2015, S. 25). In umfangreicheren Untersuchungen wird die Auswertung des Experteninterviews von mehreren Personen vorgenommen. Dabei interpretieren möglichst viele Teilnehmerinnen bestimmte Textstellen auf die gleiche Weise, was dazu führt, dass diese Deutung an Gewicht gewinnt. Besteht hingegen kein Konsens, muss die Interpretation noch einmal überarbeitet werden.
Bei Experteninterviews wird ein spezielles soziales Phänomen durch die Innensichtweise der Involvierten thematisiert. Deshalb lassen sich gewonnene Aussagen nur schwer verallgemeinern. Entweder muss für die Repräsentativität der Untersuchung speziell argumentiert werden oder Schlussfolgerungen dürfen nur mit kontextuellem Rückbezug gezogen werden.
Qualitative Untersuchungen eignen sich nur bedingt für das Testen von aufgestellten Hypothesen, denn die Anzahl der untersuchten Fälle (in dem Fall die Anzahl der Interviews mit Expertinnen) ist zu gering, um repräsentativ zu sein. Daher empfiehlt es sich, bei der Interpretation alle Verallgemeinerungen vorsichtig zu formulieren. Stattdessen dienen qualitative Untersuchungen dazu, bestehende Theorien über soziale Phänomene mit hilfreichem Wissen zu erweitern. Eventuell lassen sich mögliche Hypothesen über Zusammenhänge vorschlagen, die dann mithilfe weiterer Forschung überprüft werden können. Alternativ kann mithilfe der wissenschaftlichen Literatur dafür argumentiert werden, dass der untersuchte Fall im Sinne einer Case Study dennoch besonders repräsentativ ist für ein allgemeines Phänomen stehen kann (vgl. Blaikie, 2009, S. 192).
