Zum Umgang mit sensitiven Fragen und sozialer Erwünschtheit in Umfragen

Sensitive Fragen zum Monatseinkommen und anderen Tabuthemen in standardisierten Umfragen. Empfehlungen und Tipps aus der Umfrageforschung.

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Fragen zum monatlichen Einkommen oder zur politischen Ausrichtung befragter Personen werden in Umfragen häufig gestellt. Diese Fragen sind allerdings heikel, weil sie Sorgen vor sozialer Ablehnung auslösen oder als Eindringen in die vertrauliche Privatsphäre aufgefasst werden können. Während sensible bzw. sensitive Fragen in Seminararbeiten häufig zu wenig Beachtung finden, ist es innerhalb der Umfrageforschung ein viel diskutiertes Thema. Der Beitrag stellt zunächst verschiedene Formen sensitiver Fragen vor und geht anschliessend auf Faktoren ein, die das Vorkommen sozial erwünschter Antworten verringern.

Was sind sensitive Fragen?

Voraussetzung für einen angemessenen Umgang mit sensitiven Fragen ist das Bewusstsein darüber, wann eine Frage als unangenehm empfunden wird. Im Allgemeinen werden drei Typen sensitiver Fragen unterschieden. Manche Fragen sind sensibel, weil sie unabhängig von der Antwort der befragten Person zudringlich sind und Tabuthemen beinhalten. Befragte sind in ihrem Alltag nicht daran gewöhnt, solche Fragen zu beantworten. Beispielhaft fallen darunter Fragen zum Einkommen oder religiösen Ansichten. Eine tabuisierte Wahrnehmung ist häufig kulturell geprägt.

Andere Fragen sind sensitiv, weil befragte Personen im Falle einer wahrheitsgemässen Antwort negative Konsequenzen befürchten. Wenn man beispielsweise junge Erwachsene darüber befragt, ob sie Drogen konsumieren, werden sie in Gegenwart ihrer Eltern zu einem anderen Antwortverhalten tendieren als in einem Umfeld von Gleichaltrigen. Mögliche Anlässe für ein verzerrtes Antwortverhalten sind in diesem Fall befürchtete Sanktionen durch Eltern oder Behörden.

Anhand des Beispiels wird deutlich, dass befragte Personen ihr Antwortverhalten möglicherweise deshalb anpassen, weil sie vermuten, dass bestimmte Fragen sozial unerwünscht sind. Die Sensitivität einer Frage ist dann davon abhängig, ob eine Person sich gezwungen sieht, ihre eigentliche Antwort in Richtung einer sozial erwünschten zu verschieben. Anders als im Beispiel zum Drogenkonsum befürchtet man hier zwar keine persönlichen Konsequenzen, aber es wird eine gesellschaftliche Erwartung (Erwünschtheit) an die eigene Antwort angenommen. Nimmt eine Person z. B. eine Norm der Wahlbeteiligung als Bürgerpflicht wahr, wird sie dazu tendieren, ein Befolgen dieser Norm zu berichten. Der Anteil an Nichtwählern in einer Stichprobe könnte dann unterschätzt werden. Fragen sind also sensibel, wenn

  • sie Tabuthemen beinhalten (z. B. Religion, Politik, Vermögen, Einkommen, Körpergewicht, medizinische Daten).
  • Befragte bei wahrheitsgemässer Antwort negative Konsequenzen befürchten, z. B. eine Strafverfolgung bei kriminellen Handlungen.
  • angenommen wird, dass zwischen den Antwortkategorien Unterschiede in ihrer sozialen Erwünschtheit bestehen.

Anonymität der Umfrage als Voraussetzung für wahrheitsgemässe Antworten

Zunächst kann grundsätzlich angenommen werden, dass befragte Personen dann zu einer Verschiebung ihrer eigentlichen Antwort tendieren, wenn sie eine Maximierung ihrer sozialen Anerkennung anstreben. Eine solche Maximierung kann allerdings sinnvollerweise nur dann ein Motiv zur Anpassung sein, wenn eine befragte Person einen Mangel an Privatheit der Interviewsituation wahrnimmt.

Eine Möglichkeit zur Bekräftigung der Anonymität liegt schlicht in der wiederholten Betonung der Vertraulichkeit. Sollen beispielsweise personenbezogene Daten erhoben werden, bietet es sich an, die Befragten nachvollziehbar über den Zweck der Fragen aufzuklären. Bestenfalls wird dabei zugleich deutlich, dass auf Grundlage dieser Angaben keine Rückschlüsse auf die Identität der teilnehmenden Person gezogen werden können. Der Artikel zur Fragebogenerstellung klärt zudem darüber auf, dass personenbezogene bzw. sensitive Fragen den Fragebogen abschliessen sollten. Lohnend ist in der Regel auch die Betonung der Wissenschaftlichkeit einer Umfrage, sodass Sorgen vor einer kommerziellen Verwendung von Daten entkräftet werden.

Die empfundene Sensitivität kann auch gesenkt werden, indem die Anwesenheit dritter Personen während der Befragung vermieden wird. Will man also wahrheitsgemässe Angaben einer heranwachsenden Person über potenziell sozial unerwünschtes Verhalten ermitteln, ist sicherzustellen, dass die Umfrage unter Abwesenheit der Eltern durchgeführt wird. Dabei spielt auch der Interviewmodus eine Rolle.

Die empfohlene Abwesenheit dritter Personen führt zu Überlegungen über den Interviewmodus, also die Unterscheidung, ob eine Umfrage persönlich, telefonisch oder online durchgeführt wird. Der Einfluss, der vom Modus der Umfrage ausgeht, wird als Modus- oder Methodeneffekt bezeichnet. Der entscheidende Unterschied zwischen den Erhebungsformen im Hinblick auf sensitive Fragen liegt in der An- oder Abwesenheit einer interviewenden Person. Studien legen nahe, dass befragte Personen insbesondere dann ehrlicher antworten, wenn sie die Umfrage allein (also „selbst-administriert“) bearbeiten. Datenanalysen des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zeigen beispielsweise, dass Männer ihr Körpergewicht um durchschnittlich ein Kilogramm nach unten „korrigieren“, wenn Interviewende anwesend sind. Haben Items einer Umfrage also vertraulichen Charakter, sollte die Wahl des Interviewmodus wohlüberlegt sein.

Techniken für den Umgang mit sensitiven Fragen

Daneben kann es sinnvoll sein, nicht nach exakten Angaben zu fragen, sondern um eine Zuordnung zu Gruppen zu bitten. Viele sozialwissenschaftliche Bevölkerungsumfragen arbeiten mit z. B. mit Einkommensgruppen, die den befragten Personen als Liste präsentiert werden. Oft fällt es den teilnehmenden Personen dann leichter, eine (wahrheitsgemässe) Angabe zu machen.

Zuletzt existieren verschiedene methodische Ansätze, die befragten Personen die Angabe einer wahrheitsgemässen Antwort erleichtern sollen. Exemplarisch werden hier zwei Techniken vorgestellt. Im Rahmen der „Interactive Voice Response“ (IVR) kann eine befragte Person einem Sprachdialogsystem gegenüber Angaben machen, ohne dass eine gesprächsführende Person sie erfährt. Die Antwort wird dabei vergleichbar mit den Hotlines grosser Telekommunikationsunternehmen verbal oder per Eingabe im Ziffernblock erfasst.

Eine weitere Methode ist die „Randomized-Response-Technik“ (RRT). Es soll der Anteil der Stichprobe ermittelt werden, der schon einmal betrunken Auto gefahren ist. Dabei wird die befragte Person gebeten, ihre Antwort in Abhängigkeit eines Münzwurfs oder einer Würfelzahl zu geben. Während bei „Kopf“ die wahre Antwort gegeben werden soll, ist bei „Zahl“ in jedem Falle mit „Ja“ zu antworten. Nach dieser Zufallsverschlüsselung der Antworten kann der Anteil der Ja-Antworten geschätzt werden, da die weiteren Parameter der Gleichung hinreichend bekannt sind. Nachteilig dabei ist jedoch, dass befragte Personen nur dann Vertrauen in die Verschlüsselung haben, wenn sie das Verfahren nachvollziehen können.

In den meisten studentischen Seminar- und Abschlussarbeiten finden solche Verfahren hingegen kaum Anwendung. Entscheidender ist der bewusste Umgang mit dem vertraulichen Charakter einzelner Items. Es reicht in der Regel aus, die Verwendung solcher Fragen reflektiert zu diskutieren. Massnahmen zur Steigerung des Vertrauens, Antwortgruppen und die bewusste Wahl eines geeigneten Erhebungsmodus verringern das Ausmass sozial erwünschter Antworten bereits deutlich.

Weiterführende Literatur:

  • Baur, N., Blasius, J. (Hrsg.) (2014). Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer.
  • Reinecke, J. (1991). Intervieweffekte und soziale Erwünschtheit: Theorie, Modell und empirische Ergebnisse. In: Journal für Sozialforschung 31(3), S. 293–320.
  • Schnell, R. (2019). Survey-Interviews. Wiesbaden: Springer.
  • Tourangeau, R., Smith, T. W. (1996). Asking sensitive questions. The impact of data collection mode, question format, and question context. In: Public Opinion Quarterly (60), S. 275–304.
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