Forschungsstand erheben und Forschungslücke finden

Die Forschungsfrage einer Dissertation ergibt sich nicht aus der Intuition der bzw. des Forschenden, sondern im Rahmen eines mehrstufigen Prozesses. Am Anfang dieses Prozesses steht – nach der Wahl des Forschungsfelds und der Erhebung des Forschungsstands – die Entdeckung der Forschungslücke in dem gewählten Forschungsfeld für die Promotion. Am Ende steht die Entwicklung eines Forschungsdesigns zur Beantwortung der definierten Forschungsfrage. Dieser Prozess – in dem die Identifizierung der Forschungslücke und die daraus abgeleitete Entwicklung der Forschungsfrage der Dissertation wesentlich sind – lässt sich in folgende Schritte gliedern: 

  1. Wahl des Forschungsfelds der Dissertation
  2. Entwicklung von einem oder mehreren Themen in dem gewählten Feld (nach erster Literatursichtung)
  3. Auswahl eines dieser Themen, das sich aufgrund bestehender Literatur zum Thema und Mitteleinsatz realistisch im Rahmen einer Dissertation bearbeiten lässt. Bestenfalls gibt es bereits öffentlich verfügbare Daten (Sekundärdaten, die bereits von anderen Forschenden erhoben wurden und die eine Analyse für einen Teilbereich des eigenen Forschungsthemas oder sogar eine Vollanalyse für das eigene Thema erlauben oder die ergänzend für die eigene Datenerhebung, also für die Primärdaten, genutzt werden können – z. B. durch Umfragen)
  4. Erarbeitung des Forschungstands und damit der Forschungslücke aus der bestehenden Literatur (Literature Review). 

Aus der Erarbeitung des Forschungstands ergibt sich die Forschungslücke. Die Literaturanalyse zeigt, was bereits erforscht wurde, welche Probleme sich durch die Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung ergeben haben, was noch nicht untersucht wurde (der ‚blinde Fleck‘) – und damit, worin genau die Forschungslücke besteht. Diese ergibt sich z. B. aus:

  • bisher nur eingeschränktem Zugang zu Daten oder kritikwürdiger Datenerhebung,
  • neueren Erkenntnissen aus einem benachbarten oder neuen Forschungsfeld, das neue Fragen in einem etablierten Forschungsfeld aufwirft,
  • einem in der bestehenden Forschung bisher immer ausgeblendeten Faktor, der aber relevant sein könnte,
  • der Übertragung eines Forschungsansatzes, Modells oder Faktors aus einem anderen Forschungsfeld, das bzw. der neue Erkenntnisse in dem eigenen Forschungsfeld erwarten lässt. 

Auswahl des Forschungsfeldes

Entwicklung möglicher Themen im Forschungsfeld

Erste Sichtung relevanter Literatur zu den gewählten Themen

Auswahl des Forschungsthemas mit größtmöglichem Forschungsbeitrag bei geringstmöglichem Aufwand

Aus der Forschungslücke ergibt sich erst die 

  • Definition des Erkenntnisinteresses und des Forschungsziels sowie des Forschungsgegenstands (welches Thema wird mit welchem Ausschnitt der Wirklichkeit bzw. Untersuchungsobjekten untersucht?)
  • Entwicklung der Forschungsfrage

Operationalisierung der Forschungsfrage durch ein Forschungsdesign, also Auswahl der Methoden der Datenerhebung und Datenanalyse, die zur Beantwortung der Forschungsfrage(n) zum Einsatz kommen.

 

Forschungsfrage(n) formulieren und Forschungsbeitrag definieren

Die Forschungslücke der Dissertation ist der Dreh- und Angelpunkt für die Arbeit – gibt es keine Forschungslücke, dann gibt es auch keinen eigenständigen Beitrag, den die Arbeit leistet – sondern es wird bestenfalls Bestehendes repliziert. Somit ist die Erarbeitung der Forschungslücke im Rahmen der Durchsicht und Analyse der bestehenden Literatur keine Nebensache, sondern die Hauptsache. Am Ende der Sichtung der bestehenden Literatur – also nach Erhebung des Forschungsstandes – muss die Forschungslücke für Leserinnen und Lesern der Arbeit verständlich sein. Aus der Abgrenzung der eigenen Dissertation zu der bestehenden Forschung durch die möglichst umfangreiche Herleitung der Forschungslücke ergibt sich die Forschungsfrage, die im Rahmen der Doktorarbeit beantwortet werden soll. Es können auch mehrere Teilfragen definiert werden.

Der einfachste Weg, um eine Forschungslücke zu identifizieren, besteht darin, Artikel aus Fachzeitschriften (Academic Journals) in dem relevanten Fachgebiet mithilfe von Literaturdatenbanken zu recherchieren. Verwendet werden sollten hierfür zwei, maximal drei Kernbegriffe des gewählten Themas der Doktorarbeit. Hier reicht es zunächst, die Einleitung und die Schlussfolgerungen sowie – wenn vorhanden – die darauffolgenden Empfehlungen für zukünftige Forschung zu lesen. In diesen Abschnitten finden sich wichtige Hinweise auf noch vorhandene Forschungslücken und gute Argumente für die Begründung der Forschungsfrage(n) der geplanten Dissertation. Ferner können aus diesen Artikeln Schlüsselkonzepte, also Basismodelle, die für die Erklärung empirischer Sachverhalte entwickelt wurden, nachvollzogen werden. So kann ein Überblick über die von der Forschung bisher bearbeiteten Bereiche und Faktoren gewonnen werden.

 

Definition des Erkenntnisinteresses

Definition des Forschungsziels

Systematische Literaturanalyse

Präzisierung der Forschungslücke und des Forschungsbeitrags

Exposé – Proposal

Forschungslücke finden in Academic Journals 

Ein anderer Ansatz ist die Suche von Literature Reviews anderer Forschenden in Academic Journals. Diese fassen die Trends und Veränderungen in einer Disziplin oder einem bestimmten Fachgebiet zusammen, nennen wichtige Studien und identifizieren ebenfalls bestehende Forschungslücken. Darüber hinaus können – neben dem Einstieg in das Forschungsthema – diese State-of-the-Art-Artikel als gewichtiges Argument für die eigene Forschungslücke der Dissertation angeführt werden.

 

Forschungslücke für die Doktorarbeit finden – Zusammenfassung 

Ein genau definiertes und strukturiertes Forschungsproblem für eine Dissertation, das sich aus der Forschungslücke ergibt, ist also das Kernstück der Forschung. Eine nur vage definierte Forschungslücke lässt das Forschungsproblem im schlimmsten Fall als irrelevant erscheinen, sodass auch der Forschungsbeitrag nur als nebensächlich betrachtet wird. Letztlich war die ganze Arbeit dann umsonst, wenn die Gutachterin bzw. der Gutachter die Originalität und den wesentlichen Beitrag der Arbeit nicht erkennen kann. Die Dissertation wird dann möglicherweise sogar abgelehnt, sodass die Promotion nicht erfolgreich beendet werden kann. Die Forschungslücke repräsentiert also letztlich das Alleinstellungsmerkmal der Doktorarbeit und ist der Grund, warum Leserinnen und Leser die Arbeit als unverzichtbar betrachten und entsprechend gut bewerten.

 

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